Kleine Sünden …

Sie war schon den ganzen Morgen nervös gewesen. Heute sollte sie nach langen Monaten ihre Kollegen wiedersehen. In ihrem Leben hatte sich seit der Geburt ihres Kindes so viel geändert. Sie hatte noch nicht wieder zu ihrer alten Form zurückgefunden und war ein wenig besorgt, ob das den anderen negativ auffallen würde. Ihre Prioritäten und Werte hatten sich verschoben. Die Bürojahre, obwohl nicht lange her, waren ganz weit weg gerückt. Ihre beantragte Elternzeit neigte sich dem Ende zu. Sie war zu einer Verabschiedung einer lieben Kollegin eingeladen worden. Eine gute Gelegenheit, sich mal wieder zu zeigen und auch, um an dem Tag gleich noch einen Gesprächstermin mit ihrem Chef zu machen. Das hatte sie nämlich ein wenig vor sich hergeschoben. Das Gespräch mit ihrem Vorgesetzten verlief viel positiver als erwartet. Anschließend ging sie ein wenig verunsichert den Gang hinunter zum Konferenzsaal. Gleich rechts hinter dem Eingang hatten sich wartende Grüppchen versammelt. Sie erblickte ein paar ihrer direkten Kollegen und steuerte gleich auf sie zu. Man begrüßte sich freundlich und sprach über dieses und jenes. Plötzlich stieß auch Erik zu der Runde, den sie nicht als besonders kollegial in Erinnerung hatte. Er hatte sie früher gern mal auflaufen lassen. Er begrüßte sie mit den Worten „Schön, dass Du bald wieder da bist. Ich habe alles, was ich terminlich irgendwie schieben konnte, geschoben. Du hast also viel zu tun, wenn Du wiederkommst.“ Sie atmete tief durch und sagte: „Oh Erik, ich habe gerade meine Elternzeit um ein Jahr verlängert.“

Was wir Frauen alles tun, um als emanzipiert zu gelten

– In der Schwangerschaft treten wir im Job kein bisschen kürzer. Wir gehen bis kurz vor dem Kreißsaal arbeiten. „Eine Schwangerschaft ist doch keine Krankheit.“

– Wir nehmen maximal ein Jahr Elternzeit. Alles andere sieht nach einer unambitionierten „Gluckenmutter“ aus.

– Wir hetzen zu Fuß/mit Bus/Bahn/Auto zur Kita und dann zur Arbeit und dann wieder zur Kita. Wir hetzen generell den ganzen Tag durch die Gegend und zerreissen uns zwischen den verschiedensten Alltagsanforderungen. Wir haben keine Minute für uns.

– Wir erzählen wahrscheinlich auch noch, nicht ganz der Wahrheit entsprechend, unser Kind habe ohne „Schreienlassen“ nach sechs Monaten einfach durchgeschlafen. Allzu verständlich, denn, wenn wir neben der Betreuung eines Babys oder Kleinkindes auch noch arbeiten, dann können wir uns keine schlaflosen Nächte erlauben.

– Wir schaffen uns irgendwann eine Reinigungshilfe an, aber erzählen es niemandem.

– Wenn wir keine Reinigungskraft haben und allein, neben z.B. Teilzeitjob und Kind, fast die gesamte Hausarbeit machen, dann können wir das in der Öffentlichkeit nicht zugeben (nur in anonymen Umfragen). Wie sieht das denn aus? Was soll der Rest der Frauenwelt zu einem so unemanzipierten Verhalten sagen? Und Verständnis zu haben für die ebenfalls begrenzten Kräfte eines in Vollzeit arbeitenden Ehemannes, der regelmäßig Überstunden macht, das ist auch vollkommen unemanzipiert.

– Wir erzählen keinem, dass unsere Mutter/Tante/Nachbarin regelmäßig einspringt, damit wir keinen Nervenzusammenbruch bekommen.

– Wenn wir eine Mutter-Kind-Kur beantragen, ist uns das sehr unangenehm und wir verschweigen es am Liebsten. Wir scheinen aus dem Rahmen zu fallen. (Wie übrigens immer mehr Mütter.)

– Wenn unsere Beziehung scheitert, dann ist das eben das Leben. Oder der Mann hat nicht genug mitgezogen. Wir trauen uns nicht, weiterzudenken. Ob wir vielleicht einem Mythos der Vereinbarkeit aufgesessen sind.

– Wir wollten Gleichberechtigung und die gleichen Jobs wie Männer. Die haben wir jetzt. Nur gleich immer noch den zweiten Job der Mutter gratis ohne Vergütung dazu. Aber das ist ja kein Problem … sagen wir. Denken wir das auch? Denken wir das, wenn wir morgens das Büro betreten und schon einen halben Arbeitstag am Kind hinter uns haben?

Ich plädiere nicht dafür, dass die Frau ihre althergebrachte Rolle wieder einnehmen soll. Auf keinen Fall. Und ich möchte auch die bedeutenden Errungenschaften der Emanzipationsbewegung nicht schmälern. Aber wie frei ist ein Mensch, der nicht einmal mehr wagen kann, zu sagen, dass die Belastungen, die die Gesellschaft seinem Geschlecht aktuell zugedenkt, kaum noch erträglich sind und er sich alles andere als emanzipiert fühlt, sondern gefangen in einer überladenen Rolle?

Unerreichbar glücklich

Nach einer sehr anstrengenden Schwangerschaft (zugegebenermaßen selbst verursacht), zog ich direkt nach der Geburt meines Kindes die Notbremse und versuchte, unserer kleinen Familie so viel Ruhe wie möglich zu verschaffen. Das gelang mir dadurch, dass ich alle unsere Telefone auf lautlos stellte und jeden Anrufer auf dem Anrufbeantworter auflaufen ließ. Das sorgte zwar für ein paar wenige missmutige Äußerungen wie „Du bist ja nie erreichbar.“, aber die kamen genau von den Personen, die ich sowieso nicht sprechen wollte ;-). Natürlich guckte ich regelmäßig nach, ob jemand versucht hatte, mich zu erreichen und rief auch zügig zurück, wenn etwas Wichtiges war. Aber ich hatte es nun in der Hand. Die Abläufe mit meinem Kind waren so viel ruhiger. Niemals wurden wir von einem Telefonklingeln gestört. Wenn wir beide Mittagsschlaf machten, stellte ich zusätzlich noch die Türklingel aus.

Des Weiteren sagte ich eine ganze Zeit nach der Geburt höflich Einladungen ab, mit der Begründung „Wir schaffen es leider nicht.“ oder „Es ist uns momentan zuviel.“ oder „Wir sind gerade zu erschöpft.“, was der Wahrheit entsprach. Diese Sätze klingen heutzutage immer ein wenig nach „unfähig“ und „wehleidig“. Aber ich kann sagen, wir haben uns mit diesen einfachen Sätzen eine Menge Stress erspart, den man mit Kind nicht unbedingt noch zusätzlich haben will. Die Leute, die wir besonders mögen, weil sie verständnisvoll sind, hatten übrigens auch kein Problem damit. Und auf die anderen, die keinerlei Verständnis für die Situation einer frisch gebackenen Kleinfamilie haben, kann ich langfristig sowieso in meinem Leben verzichten.

Wird es irgendwann leichter?

Als mein Kind ungefähr sieben Monate alt war, erledigte ich, total übernächtigt, Samstag abends um kurz nach acht noch unsere Einkäufe im nahegelegenen Supermarkt. Dort lief mir ein Bekannter über den Weg, der ein Kleinkind hatte. Wir kamen ins Gespräch und ich stellte ihm mittendrin die damals für mich drängendste Frage: „Sag‘ mal, wird es irgendwann leichter und wann ist das?“. Er lachte freundlich und fragte „Leichter? Sei froh, dass Dein Kind sich noch nicht richtig fortbewegen kann.“ Ich war dankbar für die offensichtlich ehrliche Antwort, aber auch ein wenig geschockt.

Eine andere Person sagte mir, dass das, was einem jetzt schwierig erscheint, einen nur darauf vorbereitet, was an noch Schwierigerem kommt. Na, dann gute Nacht, dachte ich.

Jetzt weiss ich, dass beide Recht hatten. Ich dachte damals, man reisst sich das erste Jahr mit Kind am Riemen und danach läuft dann alles fast von selbst. So naiv war ich. Aber natürlich kommen mit der Entwicklung des Kindes permanent neue Herausforderungen auf einen zu. Wenn man gerade aufatmet, weil man nach dem Essen nicht mehr stundenlang die Küche putzen muss, folgen die  strapaziösen Wutanfälle in der Öffentlichkeit, werden diese dann weniger, verkündet die Erzieherin überraschend, dass das Kind jetzt wohl reif sei zum Trockenwerden und prompt kann man am nächsten Wochenende – natürlich verständnisvoll 😉 – zig-mal kleine Pfützen in der Wohnung aufwischen. Das sind die Dinge, die einfach zu tun sind und das ist auch vollkommen in Ordnung so. Aber all‘ diese Dinge kosten eben auch Kraft. Und da man keine unbegrenzten Kräfte hat, besonders dann, wenn man nachts nicht schlafen kann, muss man woanders Kräfte einsparen.

Das zu tun, ist aus meiner Sicht aber heute schwieriger denn je. Denn Eltern stehen unter Beobachtung und sie beobachten sich vermutlich auch rund um die Uhr selbst. Sie überlegen, ob sie ihrem Kind genug bieten. Ob es zuviele oder zu wenig Kurse besucht. Die Vielfalt des Angebots erschlägt einen geradezu. Eltern könnten sich theoretisch eingehend über jedes noch so kleine auftretende Problem im Internet informieren und ihre möglichen Kritiker um sie herum auch. Eltern haben das gleiche Problem wie eigentlich alle heutzutage. Sie könnten immer noch besser informiert sein und noch reflektierter und wissenschaftlich fundierter handeln. Ihre Optionen sind immens, aber das ist eben nicht nur eine Chance, sondern auch eine Last. Sie spüren die Forderung, immer erreichbar sein zu müssen, aber sehnen sich in ihrem Alltag nach Ruhe. Der Tag hat eben auch heutzutage nur 24 Stunden, so banal es klingt.

Deshalb ist aus meiner Sicht die Antwort auf die Frage „Wird es irgendwann leichter?“: „Es wird immer wieder schwierige Situationen geben, aber Du wirst besser damit umgehen können, wenn Du endlich gelernt hast, nicht perfekt sein zu wollen!“ Das ist das Beste, was Du von Deinem Kind lernen kannst.

Nachtrag: Eine deutliche Erleichterung ist es auf jeden Fall, wenn ein Kind beginnt, die ganze Nacht durchzuschlafen.

„Mutterglück“ oder Das schönste Geschenk von allen

Nach einem sehnsüchtig erwarteten, da nach Jahren dringend benötigten, ersten Urlaub mit Kleinkind, der sich als alles andere als Urlaub entpuppte, habe ich das schönste Geschenk meines Lebens bekommen.

Eine mir nahestehende Person bewies sehr viel Feingefühl und hatte meinen tiefsten Wunsch erahnt. Ich bekam einen Gutschein für ein Wellness-Wochenende an der See für meinen Mann und mich und das Beste: Diese Person meines Vertrauens wollte das ganze Wochenende, während wir es uns gut gehen lassen, auf unser Kind aufpassen. Ich habe mich unendlich über dieses Geschenk gefreut.

Man kann einer Mutter bzw. Eltern von Kleinkindern aus meiner Sicht kaum etwas Schöneres schenken, als ein wenig Zeit für sich. Das heisst nicht, dass die Zeit mit dem eigenen Kind nicht schön ist. Sie ist oft sehr schön, aber sehr oft auch mal sehr schön schrecklich ;-). Es gibt einfach viele Dinge, die man mit Kleinkind eben nicht so gut oder gar nicht machen kann: Ein Buch lesen, sich ins Café setzen und Leute betrachten, kinderlose Freundinnen treffen, ins Kino gehen, das Theater besuchen etc.

Deshalb ist ein Gutschein generell eine wunderbare Idee, ein Gutschein mit Babysitting eine noch Wunderbarere. Einen Gutschein mit Babysitting sollte jedoch nur jemand schenken, dem die Eltern ihr Kind regelmäßig anvertrauen.

Man sollte bei Gutscheinen jedoch auch immer an die momentanen Befindlichkeiten und Empfindsamkeiten der Beschenkten denken. Ein Gutschein für eine Reinigungshilfe, die einmal wieder die ganze Wohnung auf Hochglanz bringt, kann bei der einen Mutter für einen Freudenschrei sorgen, der bis ans Ende der Straße zu hören ist, bei der anderen Mutter zu einem Tränenausbruch führen.

Auch sollte man daran denken, dass ein Gutschein vielleicht sehr lieb gemeint sein, aber zur falschen Zeit kommen kann. Wenn man die Beschenkte eines Wellness-Hotel-Gutscheins z.B. auf einen Zeitpunkt für die Durchführung festlegt, ohne mit ihr zu sprechen, kann das den Wert des Geschenkes deutlich mindern. Es gibt nämlich bei Eltern Zeiten, in denen sie nicht einmal mehr in der Lage dazu sind, die Anreise zu einem Hotel zu bewältigen. Das sind die Wochenenden, an denen beide Elternteile, kurz nachdem die Omi das Enkelkind abgeholt hat, todmüde ins Bett fallen und erst eine halbe Stunde vor Rückkehr des Kindes wieder aus ihrem komatösen Schlaf erwachen.

Morgens um 5 Uhr 50 in Deutschland

Ich habe sie wieder gehört. Die Mutter und ihr Kind. In ihrem Kampf, sich fast jeden Morgen wiederholenden Kampf darum, rechtzeitig aus dem Haus zu kommen, wahrscheinlich, den Bus noch zu bekommen. Und ich frage mich, warum man über diese „Banalitäten“, die Müttern bzw. Vätern den größten Stress verursachen, nicht spricht. Wenn z.B. das Kind nachts mehrfach aufgewacht ist und man schlaftrunken versucht, einem kleinen, sich wehrenden Bündel, das keine Strumpfhose anziehen will, diese überzustülpen. Wenn man bei Regen mit Bus und Bahn mit dem Kinderwagen zur Kita fahren muss und froh sein kann, wenn man überhaupt noch in den Bus hineinkommt. Wenn früher losfahren, um den Stress ein wenig zu mindern, überhaupt nichts nützt, weil die Kita das Kind da noch nicht reinlässt. Was da los ist, kann nur eine andere Mutter oder ein anderer Vater verstehen. Es geht darum, immer viel zu wenig Zeit zu haben und darum, einen kleinen Menschen, der viele Dinge noch nicht versteht, in ein Schema zu pressen, dessen Sinn er ebenfalls noch nicht erkennen kann. Und es tut in der Seele weh, dies tun zu müssen. Jetzt kann man mir entgegnen, dass alle Menschen irgendwann in irgendeiner Form in ein Schema gepresst werden müssen, so sei das Leben. Dem stimme ich voll und ganz zu. Ich frage mich nur, wann man damit anfangen muss. Kann es nicht eine Schonfrist geben? Für Mutter (bzw. Vater) und Kind.

Aus der Reihe tanzen

Mir begegnen in letzter Zeit häufiger Sätze wie „Ich habe meine Elternzeit verlängert“, „Ich habe meine Arbeitszeit verkürzt“ oder sogar „Ich habe wieder aufgehört zu arbeiten“ aus dem Munde von Müttern von Babies und Kleinkindern. Ungeheuerliche Sätze, denn sie passen so gar nicht zum allseits propagierten relativ leicht machbarenWiedereinstieg in den Job ein Jahr nach der Geburt eines Kindes.

Häufig wird noch ein Satz nachgeschoben, wie „Das war das Beste für mich und die gesamte Familie“ oder „Es ging so nicht mehr“.

Und diese Wandlung der handelnden Person ist ungefähr mit dem vergleichbar, was man manchmal bei Trennungen von Paaren im unmittelbaren Umfeld erlebt. Gestern saßen sie noch händchenhaltend, sich anschmachtend auf einer Party und heute verkünden sie, dass sie sich schon seit drei Jahren nicht mehr verstanden haben, den Schein so lange wie möglich wahrend.

Das ist ein komischer Mechanismus, aber wahrscheinlich nur allzu menschlich. Wer sagt schon gern, dass er gerade im Moment unheimlich viel Kraft aufwenden muss, weil er das Gefühl hat, die Dinge laufen aus dem Ruder. Erst einmal versucht man, so lange wie möglich zu „funktionieren“ im Sinne der allgemeinen Erwartungen an eine heutige Mutter. Wenn man dann gemerkt hat, dass man die Erwartungen nicht erfüllen kann oder möchte, ist das auf den ersten Blick ein Scheitern. Auf den zweiten Blick kann es aber auch eine Befreiung sein.

Diese Befreiungsmöglichkeit steht jedoch leider nicht allen offen. Es gibt viele Mütter, die finanziell gar keine andere Wahl haben, als weiter so zu tun als ob.