Chronischer Schlafmangel bei Müttern – ein Tabuthema?

Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass chronischer Schlafmangel bei Müttern von Babies und Kleinkindern ein gesamtgesellschaftlich tabuisiertes Thema ist.

Auch Müttern selbst scheint das Thema „Schlafmangel“ unangenehm zu sein. Kennen sie doch die normalen Reflexe ihrer Gesprächspartner, wenn sie erzählen, dass ihr Baby, Kleinkind nachts noch nicht durchschläft. Sie müssen dann die immer gleichen – manchmal vielleicht sogar auch sinnvollen – Diskussionen über Einschlafzeiten, Ernährung tagsüber, Tagesgestaltung und Einschlafrituale führen und haben auf einmal jede Menge „Experten“ vor sich. Sie fühlen sich dadurch eventuell angreifbar und manche tun deshalb vielleicht am liebsten gleich so, als ob ihr Kind schon durchschläft. Das hilft, die anstrengenden Diskussionen zu vermeiden, aber der Schlafmangel bleibt.

Dabei ist es bekannt, dass Babies und Kleinkinder nachts zum größten Teil noch nicht durchschlafen. Und es ist auch gesellschaftlicher Konsens, dass man Babies und Kleinstkinder nicht zu sehr verwöhnen kann und ihre Bedürfnisse so schnell wie möglich erfüllen sollte.

Alles sehr begrüßenswerte Dinge, aber einer, der, der aufsteht, zahlt den Preis dafür.

Und das evtl. über viele Monate oder auch ein paar Jahre. Diesen Preis zahlen Mütter und ggf. Väter sicher auch bis zu einem bestimmten Grade gern. Problematisch wird es nur, wenn man den entgangenen Schlaf über lange Zeit niemals nachholen kann.

Einer Mutter, die in den ersten Jahren Zuhause ist, mag es ja noch möglich sein, sich tagsüber hinzulegen. Aber, was ist mit den Müttern, die arbeiten gehen wollen, müssen, können, dürfen? Die haben keine Möglichkeit, den Schlaf nachzuholen. Selbst wenn sie aus bestimmten Erwägungen nur halbtags arbeiten, werden sie feststellen, dass sie um – sagen wir mal – 14 Uhr ein topfittes Kind aus der Kita abholen, das gerade 2 Stunden Mittagsschlaf hinter sich hat und es gar nicht gut finden wird, wenn die Mutter sich erst einmal Zuhause hinlegen möchte.

Ich weiss, dass es viele Eltern gibt, die ihr Kind nachts nicht schreien lassen wollen und dass das auch für die Entwicklung von Kindern als sehr positiv angesehen wird. Aber, wie passt das zu einer Gesellschaft, in der die Mutter wünschenswerterweise spätestens nach einem Jahr wieder dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen soll und die ihre Förderungen für Familien so ausrichtet, dass nach diesem einen Jahr auch ein gewisser Druck entsteht, das zu tun? Ich behaupte mal: gar nicht.

Regelmäßig liest man, wie mit bedauerndem Unterton festgestellt wird, dass nach der Geburt eine Vielzahl der Eltern immer noch das traditionelle Modell der Arbeitsaufteilung wählen. Mir leuchtet das unmittelbar ein. Selbst wenn man gerne arbeitet, ist man eben nur ein Mensch und kann nicht rund um die Uhr Leistung erbringen, erst Recht nicht, wenn man große Teile der Nacht nicht schläft.

Es gibt also zwei Dinge, die sich aus meiner Sicht diametral entgegenstehen:

die permanente Bedürfnisbefriedigung bei einem Baby und der damit einhergehende Schlafmangel (die schnellen „Durchschlafbabies“ mal ausgenommen)

und

die schnelle Rückkehr auf den Arbeitsmarkt.

Ich plädiere hiermit auf keinen Fall dafür, sein Kind deshalb schlechter zu versorgen. Aber ich plädiere dafür, die wirklichen Belastungen der Eltern endlich einmal zu benennen.

Dieses Problem kannten die früheren Generationen von Eltern – meines Erachtens – nämlich in der Form noch nicht. In der Generation meiner Großeltern war es gang und gäbe, Babies ein paar Wochen nach der Geburt in ein anderes Zimmer zu schieben und die Tür zuzumachen. Auf diese Weise war das Thema Schlafmangel bei diesen Eltern nicht so virulent. In der Generation meiner Eltern ließ man die Kinder nicht mehr unbedingt nachts schreien, aber es waren viele Mütter über Jahre und Jahrzehnte Hausfrauen, die tagsüber entweder Schlaf nachholen konnten oder, wenn das nicht möglich war, wenigstens tagsüber nicht noch maximal an einem Arbeitsplatz gefordert wurden.

Ich möchte natürlich nicht zu den alten Zeiten zurückkehren, aber ich wehre mich dagegen, wenn man die herrschende Maximalbelastung von vielen Familien immer aufs Neue herunterspielt. Wer weiss, was für Langzeitfolgen zu erwarten sind, wenn Eltern den gängigen gesellschaftlichen Vorgaben regelrecht sklavisch folgen (müssen) und am Ende gesundheitlich auf der Strecke bleiben?

Um nicht falsch verstanden zu werden: Ich finde des gut, wenn Mütter, die sich nicht belastet fühlen, nach der Geburt so schnell wie möglich wieder ihrer Arbeit nachgehen können, aber ich wünsche mir eben auch, dass Mütter in anderen – oben beschriebenen – Situationen, nicht gezwungen sind, sich komplett zu verausgaben.

Hier noch ein Link zum Thema Schlaf, den ich Euch ans Herz legen möchte. Ein unglaublich interessanter TED-Vortrag zum Thema Schlaf, den ich schon öfter gepostet habe:

https://marasgedanken.wordpress.com/2016/06/14/ted-talk-why-do-we-sleep-from-russell-foster/

Des Weiteren hat meine Seite eine kleine Rubrik zum Thema Schlafmangel, die noch ein paar mehr Texte enthält.

Nachtrag im Mai 2017: Dieser Beitrag wird in den letzten Tagen verstärkt gelesen. Deshalb habe ich ihn mir auch noch einmal angesehen. Er stammt aus den Anfängen meines Bloggens und ist – aus meiner heutigen Sicht – viel zu zahm geschrieben. Ich hatte Angst vor den „Vereinbarkeits-Gurus“. Mittlerweile habe ich sie nicht mehr, denn mein Blog und die Reaktionen darauf zeigen mir, dass uns etwas vorgemacht wird.

Heute würde ich sagen:

Nachts nicht schlafen und tagsüber arbeiten.

Das geht nicht.

Punkt.

Wenn eine Mutter das nicht stört oder sie eines der wenigen „Durchschlafbabies“ bekommen hat, soll sie trotzdem arbeiten gehen können. Alle anderen Mütter sollen die Möglichkeit haben, in dieser chronisch erschöpfenden Phase zuhause zu bleiben, wenn sie denn möchten.

Mütter, lasst Euch nicht länger für dumm verkaufen. Tretet für Eure Rechte ein. Mein diesjähriger #muttertagswunsch spiegelt meine in den letzten vier Jahren zum Mutterdasein gebildete Meinung wieder:

https://marasgedanken.wordpress.com/2017/05/08/aktion-muttertagswunsch-meine-wuensche-fuer-echte-vereinbarkeit/

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4 Gedanken zu “Chronischer Schlafmangel bei Müttern – ein Tabuthema?

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