Prioritäten setzen

Wenn man eines durch ein Kind lernen kann, dann ist es, Prioritäten zu setzen. Ich kann mir keinen besseren Lehrmeister in dieser Disziplin vorstellen.

In meinem früheren Büroleben habe ich mich zwar auch bemüht, Prioritäten zu setzen, aber ich glaube, ich wusste damals nicht so richtig, was das heisst. Alles war wichtig und man hatte immer zuviele E-Mails im Posteingang. Also habe ich oft so lange gearbeitet, bis alles abgearbeitet war oder ich einfach nach Hause gehen musste, weil ich so K.O. war. Prioritäten setzen heisst doch, dass manche Dinge wichtiger als andere sind und die weniger wichtigen Dinge liegen bleiben müssen. Aber selbst, wenn die Chefs immer etwas von Prioritäten setzen erzählen. Das, was man beim Prioritätensetzen gerade als nicht so wichtig ausgesiebt hat, ist dann auf einmal wieder besonders wichtig. Und wenn es hart auf hart kam und man wagte, zu sagen, dass dieses oder jenes beim Prioritätensetzen hintenüber gekippt ist, dann war diese Prioritätensetzung im Nachhinein natürlich meist grundfalsch ;-). Fazit: Setzen Sie bitte Prioritäten, aber arbeiten Sie heute alle ihre 150 Mails zügig ab!

Nun zu meinem Leben mit Kind. Wenn mein Kind morgens in der Kita ist, habe ich ein Zeitfenster von 5 Stunden und alles, was ich in dieser Zeit nicht schaffe, werde ich auch den Rest des Tages nicht auf die Reihe bekommen. Das wurde mir mit Kind schlagartig klar. Wenn mein Kind und ich Zuhause sind, ist das Thema „Etwas-Schaffen“ durch. Das diszipliniert mich ungemein. Mein Gehirn denkt in neuen Bahnen. Morgens geht das so: OK, Kind nicht da. Du hast 5 Stunden. Ready steady go. Erst ein wenig aufräumen für den guten optischen Eindruck und das gute Gefühl, die Waschmaschine und ggf. die Spülmaschine laufen lassen, Müll wegbringen, Papierkram erledigen. Dann ein paar wenige wirklich wichtige Dinge heraussuchen, die gemacht werden müssen, aber möglichst, wenn mein Kind nicht da ist. Und nach diesem Schema schaffe ich nun eine Menge.

Ich habe nun endlich verstanden: Prioritäten setzen heisst eben nicht, die unendlich vielen Aufgaben, die mir das Leben jeden Tag stellt, zu schaffen, wie es einem von seinen Vorgesetzten für das Berufsleben gerne implizit weissgemacht wird: „Wer etwas nicht schafft, hat einfach die falschen Prioritäten gesetzt.“ In der heutigen Zeit ist das eine sehr unfaire Herangehensweise.

Prioritäten setzen bedeutet, zu entscheiden, welche Aufgaben mir so wichtig sind, dass sie erledigt werden müssen und gleichzeitig selbstbewusst zu vertreten, dass ich dafür andere Dinge vernachlässigt habe. Das geht nur, wenn ich meine Grenzen erkannt und akzeptiert habe und auf diesen Weg hat mich das Leben mit Kind geführt.

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Kinderturnen oder „Wann bewegt sich der Zeiger endlich weiter?“

Beim Kinderturnen ertappte ich mich letztens dabei, dass ich immer wieder auf die große Wanduhr der Turnhalle starrte und anfing, die Stunde in Zeitfenster einzuteilen. „Wenn der Zeiger da ist, dann muss ich den bereits geschafften Zeitraum nur noch zweimal aushalten.“ Und ich fand mich dabei ziemlich unmotiviert und schämte mich ein wenig vor mir selbst.

Außerdem nutzte ich das Kinderturnen neuerdings, um meine Konsequenz zu perfektionieren. „Wenn Du zum Kinderturnen möchtest, dann musst Du Deine Jacke anziehen.“ Immer in der stillen Hoffnung, dass mein Kind, wie eigentlich immer, seine Jacke nicht anzog. Aber nein, die Jacke war auf einmal so schnell übergestülpt, dass ich mich fragte, ob da gerade mein Kind vor mir stand.

Kinderturnen ist doch so spannend wie auf dem Spielplatz hinter einem Kind herzurennen, das zwanzigsekündlich die Spielgeräte wechselt. Für eine Mutter, die immer noch mit dem Verlust ihrer Selbstbestimmung hadert, der „Mega-Gau“ an Fremdsteuerung.

Aber, was tut man nicht alles für seinen geliebten Schatz. Schließlich soll er Freude an der Bewegung haben und nicht, wie seine Mutter, beim Wählen der Mannschaften im Sportunterricht immer als Vorletztes auf der Bank sitzen. So ein Schicksal möchte man seinem Nachwuchs ersparen und dafür muss man etwas tun.

Vielleicht kann man ja auch ein paar nette Mütter kennenlernen? Fehlanzeige. Die netten Mütter wären vielleicht in dieser großen Turnhalle zu finden, nur, ein Gespräch will nicht so richtig stattfinden. Hat man gerade ein freundliches „Wie alt ist denn Deine Kleine?“ in den Raum geworfen, muss man vermutlich in der nächsten Sekunde sein Kind aus einem Knäuel anderer Kinder ziehen, unter betretenen Blicken einiger Mütter, da sich der eigene Nachwuchs – entgegen aller guten Erziehung – vorgedrängelt hat. Oder das eigene Kind hat sich das Rollbrett geschnappt und droht gerade in rasanter Fahrt die Zehen anderer Kinder zu amputieren. Wenn man doch einmal mit einer Mutter über die magische Marke eines zwei-minütigen Gesprächs hinausgekommen ist, schnappt sich der Nachwuchs meiner Gesprächspartnerin auf einmal den Ball meines Kindes und prompt geht unsere – ohnehin sehr oberflächliche – Konversation in einem lauten Geschrei unter.

Ich werde mich für mein Kind zusammenreißen. Es liebt das Kinderturnen. Ich werde auch regelmäßig diese heiligen Hallen mit ihm aufsuchen und begeistert jeden neuen Balanceakt loben, aber nur, weil ich letztens einen Ausweg gesehen habe: Die Mutter eines älteren Kindes saß auf der Bank und las ein Buch.

Hast Du schon die Geburtsanzeigen verschickt?

Wie muss man sich verhalten, um eine „Neumutter“ an den Rand des Nervenzusammenbruchs oder darüber hinaus zu bringen, also ihr den Start ins Mutterleben besonders schwer zu machen?

(Was Familie, Freunde etc. auf keinen Fall tun sollten!)

– Man rückt in voller Mannstärke im Krankenhaus an und verweilt dort den ganzen Tag

– Man schenkt einer „Neumutter“ mit Zwei-Zimmer-Wohnung riesige Spielzeuge

– Man kritisiert den sorgfältig ausgewählten Namen des Kindes

– Man fragt, wann denn endlich die Geburtsanzeigen verschickt werden

– Man ruft die junge Mutter an und gibt ihr ungefragt jede Menge Tipps (am Besten, wenn man selbst kinderlos ist)

– Man kritisiert das vorhandene/nicht vorhandene Kinderzimmer

– Man fragt, ob dem Kind nicht zu warm/zu kalt ist

– Man kommt ausgeschlafen zur total übernächtigten „Neumutter“und fragt nach einem Scannerblick durchs Wohnzimmer, ob man mal beim Putzen helfen soll

– Man fragt, welche Schule die Mutter für das Kind im Auge hat

– Man zeigt sich verärgert darüber, dass die frischgebackene Kleinfamilie nicht zu Familienfest XY anreisen/Party Z erscheinen möchte

-Man fragt die frischgebackene Mutter jeden Tag, ob sie schon mit dem Kind an der frischen Luft war

– Man macht folgende Äußerungen: „Was machst Du denn den ganzen Tag?“, „Dann hast Du jetzt bestimmt viel Zeit zu lesen.“, „Bei der vielen freien Zeit kannst Du ja jetzt mal Deinen Keller aufräumen.“, „Reicht Deine Muttermilch oder bekommt Dein Baby zu wenig zu trinken?“

– Man misst den Kopfausschnitt des Schlafsacks nach, um sicherzustellen, dass das Kind nicht nachts ersticken kann

– Man schlägt wiederholt Taufdaten vor, ohne überhaupt zu wissen, ob die Eltern eine solche in näherer Zeit geplant haben.

– Man kommt spontan ohne Vorankündigung um 8 Uhr morgens zu Besuch, um mal kurz das Baby anzugucken. Man selbst ist frisch geduscht und gestylt und die frisch gebackenen Eltern … naja

– Man mokiert sich darüber, dass das Kind nach zwei Wochen noch nicht durchschläft (da müssen die Eltern wohl etwas falsch machen ;-))

„Den ganzen Tag zuhause. Das wäre mir viel zu langweilig.“

Natürlich ist es nicht so prickelnd, die Waschmaschine und die Spülmaschine zu befüllen und auszuräumen, einzukaufen, Betten zu machen, den Wickeltisch in Ordnung zu bringen, den Müll rauszubringen, undefinierbare Flecken an den ausgefallensten Orten zu entfernen, die Wohnung zu staubsaugen, Dinge mit der Bank, dem Vermieter, der Autowerkstatt etc. zu regeln und dabei noch todmüde zu sein. Und gerne würde man mal wieder etwas machen, wofür man mehr Anerkennung bekommt und wo der Kopf ein wenig gefordert ist.

„Den ganzen Tag zuhause – das wäre mir viel zu langweilig.“ Diesen Satz bekommt man leider standardmäßig von manchen arbeitenden Müttern zu hören, wenn man als Mutter noch nicht arbeitet und zugibt, dass man das alles noch nicht auf einmal schafft.

Was einen daran ein wenig traurig macht, ist Folgendes: Er impliziert, dass es Zuhause furchtbar langweilig ist, weil es da ja gar nichts zu tun gibt. Die andere Mutter qualifiziert somit die Erfordernisse im Haushalt, der Familienorganisation oder einer kurzen Erholungszeit als nicht notwendig ab, obwohl sie es eigentlich besser wissen müsste.  Das gibt einem das Gefühl, total ineffizient zu sein.

Oft sagt sie diesen Satz auch drei Minuten bevor sie von ihren rasenden Kopfschmerzen und Schwindelattacken erzählt, für die kein Arzt eine Erklärung findet.

„Den ganzen Tag zuhause – das wäre mir viel zu langweilig“. Diesen Satz nehme ich nicht vielen Müttern mit Kleinkind wirklich ab. Nur denjenigen, die sehr energiegeladen sind und deren Kind schon gut durchschläft. Alle anderen sollten lieber zu einer nicht arbeitenden Mutter sagen, dass sie ihren Beruf sehr gern mögen oder ihren Kopf gebrauchen möchten. Das wäre nicht so verletzend, wie die implizite Feststellung, dass es Zuhause ja gar nichts zu tun gibt.

Letztens hatte ich ein sehr angenehmes Erlebnis. Eine Mutter, die seit einem Jahr wieder arbeitet, kam zu mir und sagte: „Wenn ich irgendwie gekonnt hätte, hätte ich es so wie Du gemacht und wäre noch Zuhause geblieben.“ Das fand ich sehr sympathisch und total ehrlich. Was ist daran schlimm, wenn man wieder arbeiten muss? Dafür muss sich niemand schämen. Das trifft auf viele Frauen zu und irgendwann muss sowieso so gut wie jede Frau wieder arbeiten, die eine ein wenig früher, die andere ein wenig später. Ich musste mich auch massiv einschränken, um noch ein wenig Zeit für mich herauszuschinden.

Wenn aber keine Frau thematisiert, was für eine Zumutung das eigentlich wirklich für sie ist, sondern alle sagen: „Den ganzen Tag zuhause – das wäre mir viel zu langweilig.“, dann wird sich nie etwas ändern. Und dass es, wenn die Kleinen aus dem Gröbsten raus sind, auch wieder Energie und Lust zum Arbeiten gibt, will ich überhaupt nicht in Frage stellen. Aber dass es normal sein soll, die ersten drei Lebensjahre eines Kindes derart „auf dem Zahnfleisch zu kriechen“, wie es viele Frauen zwangsläufig müssen. Das möchte ich nicht verstehen und auch nicht akzeptieren.

Wo mein Kind ist, ist mein Weg

Auch wenn ich mich mit der neuen Lebenssituation als Mutter oft schwer tue, wird mir doch immer wieder klar, dass ich viel weiter und gleichzeitig genauer hin schauen muss.

Das fällt mir in den Wirren des Alltags oft sehr, sehr schwer. Man wird allzu leicht von den alltäglichen Hürden, dem Druck von allen Seiten und den durch die neue Mutterrolle auftretenden Erschwernissen im Berufsleben abgelenkt. Diese Ablenkung ist bis zu einem bestimmten Grade nicht zu vermeiden und ich darf ihr auch folgen. Natürlich darf ich empfundene Mißstände benennen. Das Recht nehme ich mir als Frau meiner Generation heraus. Selbst wenn diese empfundenen Mißstände in Anbetracht der politischen Lage und der existenziellen Nöte vieler Menschen absolut unwichtig erscheinen und es im Vergleich dazu auch definitiv sind. Ich darf versuchen, meine individuelle Lebenssituation zu verbessern oder sie für mich erträglicher zu machen, indem ich Probleme offen anspreche.

Was ich dabei niemals aus den Augen verlieren darf, ist mein Kind. Ein Kind zu bekommen, das ist viel mehr als man vorher auch nur im Entferntesten ermessen kann. Es bedeutet, Verantwortung für einen Menschen übernehmen, wie man es vorher in seinem Leben noch nie getan hat. Dieser kleine Mensch ist erst einmal ganz und gar darauf angewiesen, dass ich sein Leben für ihn gestalte. Er weiß jedoch von Anfang an viel mehr, als man ihm zutraut und tut es auf seine Weise kund. Es ist wichtig, auf ihn zu hören, denn er zeigt mir den Weg, viel öfter als ich es wahrnehme.

Wenn ich eine Entscheidung treffen muss und weder ein noch aus weiß, vor lauter Abwägen, dann hilft mir oft die eine Frage weiter: Wie wird es meinem Kind mit der Entscheidung gehen? Wird es eine möglichst ausgeglichene,  liebevolle, geduldige und zugewandte Mutter haben, wenn ich diese Abbiegung im Leben nehme?

Dort, wo es ihm gut geht, ist mein Weg. Auch wenn ich dafür mit Gewohnheiten, Konventionen, Althergebrachtem brechen, familiäre Altlasten benennen und mit ihnen umgehen, meine persönlichen Begrenzungen erkennen und akzeptieren, meine eigenen Motivationen immer wieder hinterfragen und bestimmten Leuten erklären muss, wieso ich mich denn so verändert habe.

Ein Kind ist eine Entwicklungsaufgabe, heißt es. Und es ist doch wunderbar, sich entwickeln zu dürfen und seinem Kind auf dem Weg in ein neues Leben folgen zu dürfen.

Urlaubsüberreif

Obwohl ich vor ein paar Monaten nach einigen Jahren endlich mal wieder im Urlaub war, bin ich aktuell schon wieder mehr als urlaubsreif.

In meinem Kopf zähle ich den letzten Urlaub nicht. Das war – ehrlich gesagt – kein Urlaub. Es war irgendwie ein Urlaub, ja, zugegebenermaßen, aber nicht für mich. Ja, ich habe dort einen Pool gesehen, an dem sich Leute gesonnt und Boulevardblätter und Krimis gelesen haben. Und ja, ich habe Leute gesehen, die in Ruhe zu Abend gegessen und nicht im Eiltempo mehrere Buffetgänge heruntergeschlungen haben. Ich habe sie ein wenig beneidet und mich gefragt, was schlimmer ist, gar nicht in den Urlaub fahren oder in den Urlaub fahren und trotzdem keinen haben?

Mein Kind – es sei ihm von ganzem Herzen gegönnt – hat den Urlaub wohl teilweise genossen. Aber hätte ihn vermutlich gar nicht gebraucht. Zwei Tage nach der Rückkehr nach Hause rief es begeistert auf dem Wickeltisch aus „Endlich habe ich mein Zuhause wiedergefunden.“ Und mir fiel erst die Kinnlade herunter und dann musste ich herzlich lachen. Der ganze Aufstand mit Flug, Transfer und Hotel ohne Vorrichtungen wie Wickeltisch etc. wäre gar nicht nötig gewesen. Kinder sind anscheinend sehr genügsame Wesen. Ich hätte auch einfach die verschiedenen Parks und Schwimmbäder in unserer Stadt abklappern können und ab und zu ein Eis spendieren und dann hätte ich mir den Urlaub, nach dem ich noch urlaubsreifer als vorher war, sparen können. Eine leicht bittere Erkenntnis. Aber, wenn ich an die leuchtenden Augen meines Schatzes bei den abendlichen Shows der Animateure denke, dann waren meine Strapazen vielleicht doch nicht umsonst (Irgendwie muss man sich ja wieder aufbauen).

Ich frage mich: Gibt es für eine Mutter von einem Kleinkind eigentlich so etwas wie Urlaub, sofern sie nicht eine liebevolle Super-Rund-um-die-Uhr-Nanny für ihr Kind dabei hat oder eine sehr umsichtige und einfach nur hilfreiche Omi? Ich würde mal behaupten, nicht wirklich. Und wie deprimierend ist es bitte, wenn man nach zwei Wochen Urlaub an den Arbeitsplatz zurückkehrt und alle Kinderlosen um einen herum davon ausgehen, dass man sich gerade ganz wunderbar mit seinen Kleinkindern im Urlaub erholt hat und jetzt voller Energie durchstarten kann? Am Vortag hat man vermutlich gefühlte 20 Waschmaschinen im Akkord gewaschen und sich anschließend vor lauter Übermüdung aus Versehen mit Klamotten ins Bett gelegt.

Da hilft nur die Aussicht, dass es irgendwann besser wird. Ich wage sogar zu behaupten, dass der gleiche Urlaub, wie wir ihn vor ein paar Monaten gemacht haben, zum heutigen Zeitpunkt schon etwas einfacher für uns gewesen wäre. Mein Fazit zum Thema Urlaub mit Kleinkind lautet deshalb: Manchmal ist weniger mehr und das die ersten Jahre.