Kinderturnen oder „Wann bewegt sich der Zeiger endlich weiter?“

Beim Kinderturnen ertappte ich mich letztens dabei, dass ich immer wieder auf die große Wanduhr der Turnhalle starrte und anfing, die Stunde in Zeitfenster einzuteilen. „Wenn der Zeiger da ist, dann muss ich den bereits geschafften Zeitraum nur noch zweimal aushalten.“ Und ich fand mich dabei ziemlich unmotiviert und schämte mich ein wenig vor mir selbst.

Außerdem nutzte ich das Kinderturnen neuerdings, um meine Konsequenz zu perfektionieren. „Wenn Du zum Kinderturnen möchtest, dann musst Du Deine Jacke anziehen.“ Immer in der stillen Hoffnung, dass mein Kind, wie eigentlich immer, seine Jacke nicht anzog. Aber nein, die Jacke war auf einmal so schnell übergestülpt, dass ich mich fragte, ob da gerade mein Kind vor mir stand.

Kinderturnen ist doch so spannend wie auf dem Spielplatz hinter einem Kind herzurennen, das zwanzigsekündlich die Spielgeräte wechselt. Für eine Mutter, die immer noch mit dem Verlust ihrer Selbstbestimmung hadert, der „Mega-Gau“ an Fremdsteuerung.

Aber, was tut man nicht alles für seinen geliebten Schatz. Schließlich soll er Freude an der Bewegung haben und nicht, wie seine Mutter, beim Wählen der Mannschaften im Sportunterricht immer als Vorletztes auf der Bank sitzen. So ein Schicksal möchte man seinem Nachwuchs ersparen und dafür muss man etwas tun.

Vielleicht kann man ja auch ein paar nette Mütter kennenlernen? Fehlanzeige. Die netten Mütter wären vielleicht in dieser großen Turnhalle zu finden, nur, ein Gespräch will nicht so richtig stattfinden. Hat man gerade ein freundliches „Wie alt ist denn Deine Kleine?“ in den Raum geworfen, muss man vermutlich in der nächsten Sekunde sein Kind aus einem Knäuel anderer Kinder ziehen, unter betretenen Blicken einiger Mütter, da sich der eigene Nachwuchs – entgegen aller guten Erziehung – vorgedrängelt hat. Oder das eigene Kind hat sich das Rollbrett geschnappt und droht gerade in rasanter Fahrt die Zehen anderer Kinder zu amputieren. Wenn man doch einmal mit einer Mutter über die magische Marke eines zwei-minütigen Gesprächs hinausgekommen ist, schnappt sich der Nachwuchs meiner Gesprächspartnerin auf einmal den Ball meines Kindes und prompt geht unsere – ohnehin sehr oberflächliche – Konversation in einem lauten Geschrei unter.

Ich werde mich für mein Kind zusammenreißen. Es liebt das Kinderturnen. Ich werde auch regelmäßig diese heiligen Hallen mit ihm aufsuchen und begeistert jeden neuen Balanceakt loben, aber nur, weil ich letztens einen Ausweg gesehen habe: Die Mutter eines älteren Kindes saß auf der Bank und las ein Buch.

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