Andere Mütter

Früher war es für sie nur ein Merkmal ihrer Mitmenschen unter vielen anderen. Jemand hatte Kinder oder eben keine. Sie ordnete die Bedeutung dieses Merkmals so ein, als ob sie Leute unterschied, die glatte oder gewellte Haare hatten oder solche, die ein Auto fuhren oder keines. Sie sah Mütter und sah sie doch nicht.

Freundinnen, die vor ihr Kinder bekommen hatten, waren nach der Geburt etwas in die Ferne gerückt. Das wurde ihr erst bei Betrachtung im Nachhinein so richtig klar. Sie sah sie seltener, aber immer noch ab und zu zum Kaffee oder zum Kino. Deren Kinder sah sie als Kinderlose eigentlich so gut wie nie. Sie hatte auch kein so großes Bedürfnis danach gehabt und auch nicht weiter gefragt. Ihre Welt hatte sich um andere Dinge, hauptsächlich um Job, temporär um Partnersuche und  Beziehungen und eventuell noch Hobbies und Reisen gedreht. Die Mütter, die sie ihre Freundinnen nannte, hatten, so fiel ihr im Nachhinein auf, niemals viel von ihren Kindern erzählt. Aber sie hatte selbst auch wenig Interesse gezeigt und gar nicht gefragt. Jetzt wusste sie. Sie hätte gar nicht die richtigen Fragen stellen können. Sie hätte gar nicht gewusst, wovon sie sprach. Das Merkmal, ob jemand ein Kind hat oder nicht, unterscheidet ihn von denjenigen, bei denen das Gegenteil der Fall ist, so sehr, als ob diese Menschen auf zwei Planeten leben.

Als sie dann ein Kind bekommen hatte, sah sie auf einmal überall Mütter. Sie hatte einen regelrechten Röntgenblick entwickelt und erfasste jedes Detail an ihnen und ihren Kindern. Und sie entdeckte Gefühle an sich, die sie vorher in der Form nicht gekannt hatte. Sie war eigentlich nie ein neidischer Mensch gewesen. Aber auf einmal entdeckte sie dieses Gefühl.

Eines Morgens, sie selbst hatte gerade einen Job wieder aufgegeben, weil sie total übermüdet sich nicht eine Woche länger vorstellen konnte, weiter zur Arbeit zu gehen, kreuzte sie auf dem Weg zum Kindergarten den Weg einer Mutter.

Diese brachte gerade ihr hübsch angezogenes Kleinkind zum Auto und trug ein Business-Kostüm. Das Kind ließ sich ohne Probleme anschnallen und die Frau brauste im Auto davon.

Ihrem Herzen versetzte es einen Stich, das zu sehen. Diese Frau schaffte etwas, an dem sie gerade so kläglich gescheitert war. Sie war schick angezogen, sie hatte anscheinend ihr Kind mühelos fertig gemacht und fuhr nun pünktlich zur Arbeit. Nach Anblick dieser Szene fühlte sie sich nur noch klein und als eine Versagerin. Sie hatte diesen Begriff eigentlich nie in den Mund genommen. Aber jetzt wusste sie, so fühlte sich Versagen an.

Ein paar Tage später ging sie an der gleichen Stelle entlang. Auf einmal verließ eine Frau hektisch das Haus. Ein schreiendes und zappelndes Kleinkind im Arm. Die Frau hatte Mühe, es zu halten. Sie eilte zum Auto und schnallte das sich wehrende Bündel in Windeseile an und brauste wieder davon. Es war die Frau, die sie schon kannte.

Sie hatte nach Anblick dieser Szene kurz das Gefühl von Genugtuung und dann wurde ihr klar: Du bist neidisch. Kein erhebendes Gefühl. Und einige Zeit später: Du guckst nicht richtig hin. Diese Frau ist nicht Deine Rivalin. Sie muss, genauso wie Du, bestimmte Dinge tun oder nicht tun. Vielleicht muss sie auch gerade andere Dinge tun als Du. Ihr Leben ist auch kein Zuckerwatteland. Was hat sie Dir getan? Du denkst, sie hat Dich verraten oder schlecht da stehen lassen? So ein Unsinn. Sie hat Respekt und ggf. auch manchmal Mitleid verdient, so wie Du es Dir in Deiner Situation ebenfalls wünschst.

Einige Monate später hatte sich ihr Blick auf andere Mütter wieder gewandelt. Sie beobachtete sie weiter sehr genau, wieviele Kinder sie hatten, was sie gerade taten. Und sie wusste, dass dort unendlich starke Menschen vor ihr standen. Sie alle kämpften ihre kleinen und großen Kämpfe, jeden Tag. Sie wollte sie manchmal am Liebsten in den Arm nehmen und sagen, dass sie wusste, wie sich diese oder jene Situation anfühlt, auch wenn es sich um eine wildfremde Frau handelte. Ab und zu fühlte sie noch diese kleinen Nadelstiche des Neids, aber sie waren deutlich weniger geworden.

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