Luftnot – Flug mit Kleinkind

Sie hatte sich akribisch vorbereitet, sogar ein Buch im Internet bestellt und tagelang vorher alles zurechtgelegt. Für den ersten Flug mit ihrem Kleinkind.

Als der Tag gekommen war, fühlte sie sich mit ihrem überdimensionierten Handgepäck halbwegs sicher. Was war dort nicht alles drin: Feuchttücher, Wickeltasche, Wechselkleidung, Fläschchen, Milchpulverportionierer, Thermoskanne, Nasentropfen, Taschentücher, Lollies, Ohrstöpsel für den Druckausgleich, Bücher, ein Malbuch, eine Flasche Wasser, Stifte, zwei kleine Plastikponies, verschiedene Sorten Kekse, Butterbrote und ein Spezialgurt für kleine Kinder im Flugzeug. Sie hatten den sperrigen Kindersitz zuhause lassen wollen.

An der Gepäckaufgabe wurde sie einmal kurz leicht grimmig darauf hingewiesen, dass ihr Handgepäck zu groß sei. Die Erklärung, sie habe ein Kleinkind dabei, reichte dann aber aus, um keine weiteren Schwierigkeiten zu bekommen.

Sie stiegen in das Flugzeug. Leider hatten sie aus Kostengründen darauf verzichtet, vorher Sitzplätze zu reservieren, so dass ihr Mann ein paar Reihen hinter ihr saß. Sie konnten sich bei der Lautstärke des Flugzeugs nicht über mehrere Sitzreihen verständigen und so sah sie, als sie sich umdrehte, ihren lieben, von der Arbeit ein wenig mitgenommenen Mann, wie er es sich in seinem Sitz bequem machte und sich die Ohrstöpsel in die Ohren steckte. Er schien einen Film auszuwählen und weg war er.

Sie gönnte es ihm und dachte sich, dass er auch ein wenig Ruhe verdient hatte. Außerdem war ihr Kind ruhig und alles schien einen guten Lauf zu nehmen.

Nasentropfen hatten sie ihrem Kind schon eine Stunde vor Abflug verabreicht. Nun, kurz vor dem Start bereitete sie ein Milchfläschchen vor. Der Start verlief gut und sie suchte einen Kinderfilm im Board-Entertainment-Programm aus, welcher großen Anklang fand.

Sie dachte so vor sich hin, auch, dass sie heute sehr gut organisiert war und war ein wenig stolz. Sie schaffte es, den Flug mit ihrem – etwas reizempfindlichen – Kind.

Eine Stunde vor der Landung begann ihr Kind auf einmal ohne ersichtlichen Grund zu schreien. Es rieb sich seine Ohren und krümmte sich in seinem Sitz. Sie war wie vom Blitz getroffen. Was war jetzt auf einmal los? Wieso bekam ihr Kind jetzt Ohrenschmerzen?

Ihr Kind weinte jämmerlich und hörte nicht auf. Es zog sich hin, zehn Minuten, fünfzehn Minuten. Sie redete auf es ein, streichelte es, bot alles an, was sie irgendwie in ihrer Tasche hervorkramen konnte, aber nichts half. Sie hatte großes Mitleid und immer wieder dachte sie, die Leute um uns herum, wie lange halten die das aus? Wann sagt jemand etwas? Sie stand unter größter körperlicher Anspannung. Sie hasste es regelrecht, aufzufallen. Ein Zustand mit dem sie als Mutter eines Kleinkindes regelmäßig haderte. Die Leute sagten nichts, aber WIE LANGE NOCH?

Auf einmal kam zwischen den zwei Vordersitzen eine Fruchtgummitüte hervor. Sie gehörte zu einer Frau, die freundlich sagte: „Probieren Sie vielleicht mal das!“.

Dankbar nahm sie die rot-grünen Kirschen an, von denen sie wusste, dass ihr Kind sie besonders mochte. Sie drückte sie ihrem Kind in die Hand und hoffte auf ein Wunder. Das zeigte kurz Interesse, um dann unter lautem Weinen die Kirschen in seiner Hand zu zerquetschen. Es hatte die Kirschen nicht gegessen. Es musste ihm verdammt elend gehen.

Irgendwann, nach gefühlten Ewigkeiten, einem kalten Schweißausbruch, endlosen Entschuldigungen, dem Sitznachbarn zugemurmelt, der auch noch von ihrem sich windenden Kind getreten wurde, setzte das Flugzeug zur Landung an.

Sie war so erleichtert. Gleich würde der Spuk vorbei sein. Die Leute verließen nach und nach das Flugzeug, ihr schweißnasses Kind wurde leiser und beruhigte sich. Keiner hatte etwas unfreundliches gesagt, kein unfreundliches Wort von den Passagieren, kein Stöhnen, sich genervt umdrehen, eine Stunde lang. Sie war diesen Menschen unendlich dankbar. Als alle Sitzreihen geleert waren, nahm sie ihr Kind vom Sitz hoch und wollte gerade den Gang betreten.

Da kam eine Stewardess auf sie zu und sprach zu ihrem Kind „Uuuuuuääääähhhh, uuuuuääääääähhhhhhh, Dein Leben ist ja so schwer, soooo schwer. Du hast es ja soooooo schwer.“

Sie dachte, sie hätte nicht richtig gehört, aber sie hatte es. Ihr Kind war erstarrt und sie, die immer sehr höflich war und immer jeden vorließ, der sich vordrängelte, fand auf einmal ihre Sprache wieder und sagte:

„Das finde ich jetzt aber nicht besonders nett von Ihnen. Mein Kind hat starke Schmerzen gehabt.“

„Tja, da sollte man mal Nasentropfen geben.“

„Das habe ich.“

„Dann hat es eben eine Erkältung.“

Aus ihrem Mund kam nur noch ein wütendes Zischen, sie griff ihr Kind und ihr Gepäck und ging auf ihren, an der Flugzeugtür wartenden Mann zu.

Sie war fassungslos. Sie funktionierte nur noch. Noch die paar Schritte aus dem Flugzeug heraus. Noch die paar Schritte zur Gepäckausgabe. Als ihr Mann nach den Koffern guckte, machte ihr Kind sich selbständig und sie saß auf der Bank und konnte die Tränen nicht mehr aufhalten.

(Später, zuhause, überlegte sie, ob sie sich bei der Fluggesellschaft beschweren sollte. Ihr Puls ging schneller, wenn sie nur an diese Frau dachte. Ihr Mann besänftigte sie. Diese Frau hörte vermutlich auf fast jedem Flug stundenlang Geschrei und hatte offensichtlich keine Kinder und einen sehr anstrengenden Job und sie wussten ja nicht, ob sie diesen vielleicht bei einer Beschwerde verlieren würde. Sie ließ es. Und im Nachhinein war sie froh. Auch wenn andere ihr Leben negativ beeinflussten, sie konnte sich anders verhalten. Vielleicht hatte sie deshalb auch häufiger im Leben solche Erlebnisse, wie mit der Frau mit den rot-grünen Fruchtgummikirschen.)

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