Es liegt so viel im Auge des Betrachters

Wenn man einer Mutter schaden will, ist das ganz einfach. Sie ist Mutter und damit theoretisch nahezu 24 Stunden am Tag in ihren Äußerungen und Handlungen angreifbar. Konnte man eine Frau, die Mutter geworden ist, sowieso noch nie ausstehen, hat man nun die Gelegenheit, ihr ordentlich die Hölle heiß zu machen. Das fängt schon mit der Wickeltasche an. Wenn sie groß ist, fragt man sie, warum sie denn ihren ganzen Haushalt mitschleppen muss. Wenn sie klein ist, fragt man sie nach den Utensilien, die dort sicher nicht reinpassen. Was, Du hast kein Spucktuch dabei? Und an eine Rassel für das arme, unterbeschäftigte Kind hast Du auch nicht gedacht? Oder zum Thema Kita-Eingewöhnung: Was, Dein Kind hat drei Wochen gebraucht? Du kannst Dich wohl gar nicht lösen? oder Was, Dein Kind hat nur drei Wochen gebraucht?  Da handelt es sich wohl um eine unsichere Bindung.

Was man als Mutter schnell begreift, ist die Tatsache, dass sehr viel rundherum um das Muttersein im Auge des Betrachters liegt. Und jede Mutter wünscht sich vermutlich nichts mehr als wohlmeinende Betrachter, die den Kontext einer Situation erfragen, bevor sie verurteilen.

Ein und dieselbe Situation kann nun mal von verschiedenen Personen ganz unterschiedlich beurteilt werden.

Wenn ein Kind im Bus unaufhörlich schreit, kann es sein, dass sich einige Personen lauthals über die „unfähige Mutter“ mokieren und andere Personen dagegenhalten. Am Besten sollte man die sich gestört fühlenden Herrschaften fragen, was sie denn jetzt vorschlagen würden? Anschreien oder besser gleich schlagen? Kleiner Scherz ;-). Sollte man lieber lassen, damit die gleichen Leute einen dann nicht noch anzeigen.

Aber, wenn z.B. ein Kind für eine bestimmte Jahreszeit zu leicht bekleidet herumläuft, könnte ein wohlwollender Betrachter darüber hinwegsehen und vielleicht vermuten, dass die Mutter sich eine vielleicht überflüssige, weil nicht so wichtige, Auseinandersetzung über das geeignete Kleidungsstück gespart hat und die beiden sowieso in drei Metern ins warme Auto steigen. Ein weniger wohlmeindender Betrachter könnte aber auch gleich davon ausgehen, dass es sich um eine „Rabenmutter“ handelt, die ihr Kind einem erhöhten Erkältungsrisiko aussetzt.

Oder ein anderer Fall: Eine Mutter gibt ihrem eineinhalbjährigen Kind einen Lolli. Man kann denken, was für eine unmögliche Mutter, gibt ihrem Kind so ein Zuckerzeug, oder man versucht, es milder zu sehen und nicht gleich zu unterstellen, dass sie das jeden Tag so macht. Vielleicht sitzt man ja auch mit ihr im Flugzeug und weiß nicht, dass es um den Druckausgleich in den Ohren des Kindes bei Start und Landung geht.

Oder man sieht, wie eine Mutter – selbst außer sich – ein schreiendes Bündel Kind unter den Arm geklemmt hat und es regelrecht fortschleift. Ich könnte jetzt denken, dass sie eine sehr herzlose Mutter ist oder ich könnte sie fragen, was los ist. Es könnte sein, dass sie mir erzählt, dass ihr Kind gerade ein paar hundert Meter von einem in der Gegend als nicht ganz ungefährlich bekannten Kampfhund entfernt angefangen hat einen Schreianfall zu bekommen und sie in großer Sorge war und das Kind einfach nur noch aus dem Blickfeld des Hundes bekommen wollte.

Oder ich sehe eine Mutter ihr Kind anschreien. Sie stehen an einer vielbefahrenen Straße. Wenn ich schon ein wenig Erfahrung als Mutter habe, brauche ich gar nicht mehr viel überlegen. Das Kind ist gerade eben vermutlich fast auf die Straße gelaufen.

Was ich mit diesen Beispielen sagen möchte, ist folgendes: Dinge sind oft nicht so, wie sie auf den ersten Blick scheinen und das lernt man als Mutter. Deshalb schaue ich mittlerweile mehrfach hin. Das Muttersein hat meinen Blick geschärft und auch meine Toleranz in vielerlei Hinsicht erhöht. Außerdem weiß ich, dass man diverse Situationen, in die ich mit Kind geraten bin und geraten werde, zu meinen Gunsten oder zu meinen Ungunsten auslegen kann. Ich kann nicht immer beeinflussen, welche Menschen bei diesen Situationen anwesend sind. Deshalb muss ich einfach zu mir und meinem Verhalten stehen und hoffen, dass ich nicht auf die falschen Leute zur falschen Zeit treffe. Man wird es niemals allen Recht machen können. Das war schon immer im Leben so, aber als Mutter wird es einem bewusster, da auf einmal die ganze Welt um einen herum glaubt, mitreden zu können.

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