Die Dosis macht das Gift – Wenn „Hilfe“ schadet

Das Mutter werden hat mir verschiedenste neue Erfahrungen und Eindrücke beschert. Unter anderem das Gefühl, teilweise auf einmal wieder wie ein Kind bevormundet zu werden. Auch musste ich feststellen, dass Datenschutz oder der Schutz der Privatsphäre für Mütter nicht mehr ganz so gelten. Zumindest bei mir war es so. Vielleicht finden sich ein paar Frauen in diesem Beitrag wieder.

Mein Kind wurde im Krankenhaus von einer Physiotherapeutin behandelt, die mir erzählte, dass eine Kollegin mein Kind nach dem Krankenhausaufenthalt weiter behandeln könne. Das war sehr in meinem Sinne und ich nahm die Telefonnummer gern entgegen. Aber, ich kam gar nicht dazu, diese Kollegin, wie geplant, wenige Tage nach Entlassung anzurufen. Sie rief mich an (woher hatte sie meine Nummer??), fragte, wann sie kommen solle und erzählte mir auch gleich, dass ihre Kollegin vom Frühförderzentrum mich auch gleich noch sprechen wolle. Ich war total überrumpelt, die Kollegin vom Frühförderzentrum, ja, ich hatte ein Frühchen. Die beiden Frauen taten so, als ob Frühförderung bei Frühchen dringend erforderlich sei und ich hatte den Eindruck, dass es sich fast um einen behördlichen Anruf handelte. Nach dem Motto: Frühchen = Frühförderung. Ein paar Tage später saß eine sehr freundliche Frau bei uns auf dem Sofa, die uns das Programm vorstellte und mir u.a. sagte, wie schwer es noch werden würde mit so einem kleinen Kind und ich mich später freuen würde, wenn ich regelmäßig Besuch von Ergotherapeuten hätte.

Mein Mann war skeptisch und fasste nach ihrem Besuch mein Unbehagen in Worte. Wir entschieden uns gegen dieses Programm und sind heute noch froh. Nichts gegen solche Programme, aber, wie wir später erfahren haben, gelten solche Programme eher für frühe Frühchen und unser Kind war ein spätes Frühchen. Sicher hätte mein Kind von netten Spieleinheiten profitiert, aber ein solches Programm hätte permanent fremde Personen bedeutet und ich liebe meine Privatsphäre. Ich hoffe, das ist nicht verdächtig ;-).

Die Physiotherapeutin haben wir natürlich weiter gehabt, denn unser Kind brauchte auf dem Gebiet offensichtlich Hilfe. Sie hat auch sehr gute Arbeit geleistet, für die wir dankbar sind. Was mich aber tief enttäuscht hat, war ihr Verhalten, als der Arzt nach diversen Monaten sagte, die Physiotherapie werde nicht verlängert. Das war sehr in meinem Sinne, denn für mich reichte es jetzt auch mal. Die Dame war sehr nett, aber immerhin war ich zweimal die Woche damit beschäftigt. Mein Kind hatte sich prima motorisch entwickelt. Als ich der Physiotherapeutin sagte, dass der Kinderarzt das Rezept nicht verlängere und das OK für mich sei, musste ich mir anhören, dass es unverantwortlich sei, nun aufzuhören. Ich blieb aber standhaft, wollte ich doch endlich mal wieder Ruhe in unseren kleinen Familienalltag einkehren lassen. Daraufhin rief sie mich am nächsten Tag kleinlaut an, sie hätte den Kinderarzt angerufen und ihm gesagt, er solle das Rezept verlängern, aber nicht für das Kind, sondern für die Mutter, die brauche sie. Der Kinderarzt (Anm.: ein sehr kluger Kinderarzt) habe ihr allerdings gesagt, dass er das von der Mutter selber hören wolle. Das geschah nicht.

Ich könnte noch endlos weitererzählen, von einer übergriffigen Hebamme, die mich, als total übermüdete Mutter, in zig Kurse ihrer Kolleginnen zwingen wollte (eine rief sogar an und fragte, wo ich bliebe) anstatt mir Ruhe zu gönnen, bis zu Verwandten, die mich mit dem Tauftermin nervten und mir immer das familiäre Taufkleid andienten. Was ich eigentlich nur sagen will: Wenn man Mutter wird, muss man sich die „Hilfe“ genau ansehen. Es sei denn, man mag es, wenn die eigene Wohnung einem Taubenschlag gleicht und diverse Dienstleister bei einem ein und aus gehen. Diese Personen haben vermutlich alle nur „mein Bestes“ gewollt, sie haben mir aber teilweise geschadet. Sie haben mich eine ganze Weile nicht zur Ruhe kommen lassen. Diese Ruhe nehme ich mir jetzt schon länger und siehe da, wenn man nur sein liebes, aufgewecktes Kind hat und seinen lieben Mann und nicht den ganzen Quatsch drum herum, dann kommt man prima klar.

Anmerkung: Von diesem Beitrag sollen sich auf keinen Fall die wunderbaren Hebammen und Therapeuten angesprochen fühlen, die ihren Klienten ihre Entscheidungsfreiheit und ihre Privatsphäre lassen und deren Daten nicht ungefragt weitergeben.

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6 Gedanken zu “Die Dosis macht das Gift – Wenn „Hilfe“ schadet

  1. Ich kenne es auch von allen Seiten belagert zu werden und verstehe dich sehr gut, dass du Ruhe gesucht hast. Bei mir kam die vermeintliche „Hilfe“ aber meist von der Schwiegerfamilie und die konnte ich leider nicht vor den Kopf stoßen. Also saßen alle drei Tage nachdem ich aus dem Krankenhaus kam auf unserer Couch, verbrachten drei Tage bei uns und freuten sich auch noch bekocht zu werden.

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  2. So etwas musste ich zum Glück nie erfahrwn. Ich hätte mir sogar Hilfe gewünscht. Leute, die mal was zu essen vorbei bringen oder mal die Wäsche machen oder das Kind spazieren führen, damit ich mich mal hätte ausrufen können. So etwas ist ja selten.

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  3. Das Gegenteil von „gut“ ist „gut gemeint“… Das haben viele Menschen nicht verstanden und mischen sich ein, wo sie nur können. Mein 11 Monate alter Sohn ist gerade stark erkältet, anscheinend auch mit Ohrenschmerzen, denn sobald ich ihm eine Mütze aufsetze, reißt er sich diese weinend vom Kopf. Kapuze geht einigermaßen. Also heute Morgen nur schnell mit dem Auto zum Supermarkt mit Fleecejacke inkl. Kapuze. Während ich meinen Sohn mit dem Einkaufswagen durch den Supermarkt fahre, hat die Kapuze natürlich Sendepause und wird runtergeklappt. Kommentar einer freundlichen Nachbarin: „Ach, das Mäuschen ist ja ganz erkältet. Hat die Mama wieder die Mütze vergessen?“
    Da das bereits mein drittes Kind ist, lächle ich bei solchen Kommentaren nur noch und erwidere nichts. Beim ersten Kind wäre ich wahrscheinlich ungebremst auf die Dame losgegangen 😉

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    1. Kenne ich. Ich war einmal im Winter im Park unterwegs und mein dick eingepacktes Kind schrie im Kinderwagen, weil es nicht wollte, dass ich mit dem Handy telefoniere. Ich fragte es rhetorisch 😉 „Was hast Du denn?“ und eine vorbeigehende Frau sagte kopfschüttelnd „Ja, was wohl? Das Kind friert.“ Ah, ja ….

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