Trockenwerdungsprozess – Spaß ist etwas Anderes

Der renommierte Schweizer Kinderarzt Remo H. Largo schreibt in seinem Bestseller „Kinderjahre“: „Ein Kind wird innerhalb von wenigen Tagen oder längstens in ein bis zwei Wochen sauber und trocken, wenn sich die Eltern nach dem Kind richten: Sie warten auf seine Eigeninitiative, sind ihm ein Vorbild und unterstützen es in seinen Bemühungen, selbständig zu werden.“ Und „Die Entwicklung der Eigeninitiative entspricht weitgehend derjenigen der beginnenden Darm- und Blasenkontrolle. Die Eigeninitiative tritt dann auf, wenn die Blasen- und die Darmfunktionen herangereift sind.“ Und „Die Eigeninitiative tritt frühestens im Alter von zwölf bis 18 Monaten, bei den meisten Kindern zwischen 18 und 36 Monaten ein (Anm. der Verf.: es kann also auch noch später sein). Die Mädchen sind dabei in jedem Alter weiter als die Jungen.“ Und er kommt zu dem Schluss, dass ein Kind den Urin- und Stuhlabgang nicht eher spürt, wenn es früher auf den Topf gesetzt wird (Zweite Züricher Longitudinalstudie, (Largo 1996)).

Diese Sätze finde ich bemerkenswert, bekomme ich doch immer wieder mit, dass Eltern um einen herum einfach beschließen, dass ihr Kind jetzt trocken wird, das kann auch schon mit einem oder eineinhalb Jahren sein.

Und ich selbst habe bereits im Kindergarten eifrige Bemühungen der Erzieherinnen erlebt, mein Kind jetzt mal trocken zu bekommen. Als das letzte Mal angekündigt wurde, dass mein Kind jetzt soweit sei, habe ich danach an einem Wochenende 10 Pfützen in der Wohnung aufgewischt. Das ist nun schon einige Monate her. Nun sind die Erzieher wieder dran und ich mache es wohl oder übel mit, ohne Druck auf mein Kind auszuüben. Ich möchte ja nicht, dass mein Kind Probleme bekommt, weil es als eines von wenigen Kindern noch gewickelt werden muss. Mir widerstrebt das Ganze aber sehr.

Das Thema „Trockenwerden“ an sich sorgt bei mir ehrlicherweise überhaupt nicht für Begeisterung. Wahrscheinlich darf ich so etwas gar nicht schreiben, weil man mir dann gleich unterstellt, mein Kind werde nicht ermutigt, sondern entmutigt. So ist es nicht. Aber ich finde es einfach unehrlich, zu sagen, dass das Thema in irgendeiner Form Spaß macht. Und wenn ich jetzt mitbekomme, dass ich mich wahrscheinlich wochen- und monatelang mit einem Thema herumärgern muss, welches, zum richtigen Zeitpunkt angepackt, nur eine kurze Zeit in Anspruch nehmen würde, dann ärgere ich mich richtig. Besonders wenn dann nur institutionelle Gründe im Hintergrund stehen, nämlich die Pflegeleichtigkeit meines Kindes.

Momentan arbeite ich nicht, aber ich kann mir lebhaft vorstellen, was eine Mutter fühlt, deren Tag schon extrem vollgepackt ist, wenn die Erzieherin zu einem – wie sich später herausstellt – verfrühten Zeitpunkt vorschlägt, das Kind doch ab morgen mal jeden Tag nach der Arbeit ohne Windel im Bus mit nach Hause zu nehmen. Oder es den ganzen Nachmittag ohne Windel in der Wohnung laufen zu lassen, so dass die Mutter zigmal den Boden aufwischen muss.

Es handelt sich um einen ganz natürlichen Prozess, bei dem kein Kind gedrängt werden sollte und auch nicht mit Belohnungen geködert. Alles hat seine Zeit und bei jedem Kind eine andere. Die Theorie ist da heute sehr weit und stark an den Bedürfnissen eines jeden Kindes ausgerichtet, was uneingeschränkt zu begrüßen ist. Aber anscheinend stehen dem ökonomische Gründe entgegen. Ausbaden können das dann die ohnehin überlasteten Mütter.

Nachtrag: Was man manchen Erziehern, die eigentlich keinen Druck auf das Kind ausüben wollen und auch nicht die Pflegeleichtigkeit des Kindes im Blick haben, aber trotzdem einen verfrühten Zeitpunkt vorschlagen, eventuell auch zugute halten muss, ist, dass sie den richtigen Zeitpunkt nicht verpassen wollen.

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5 Gedanken zu “Trockenwerdungsprozess – Spaß ist etwas Anderes

  1. Aber man/frau muss das Kind ja auch nicht nackt in der Wohnung rumrennen lassen. Dann gibt’s auch keine Pfützen. Als bei unserem grossen Schätzchen die Trockenphase einsetzte (mitunter dadurch gefördert, dass ihre beste KiTa-Freundin schon trocken war und alleine auf’s Klo ging) war sie normal gekleidet, einfach ohne Windeln unterwegs. Wenn dann mal ein paar Tröpfchen schneller waren, als unser kleines, süsses Schätzchen, konnte sie das deutlich spüren und sich damit auseinandersetzen. 😉

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    1. Du hast Recht. Es hängt davon ab, wie ein Kind gekleidet ist. Unser Kind hat die Besonderheit, dass es zuhause zu gern nur in Unterhose und ohne Hose herumrennt. Je mehr ein Kind gekleidet ist, desto besser spürt es, dass es unangenehm ist, in die Hose zu machen.

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  2. Ich finde diesen Druck vom Kindergarten nicht gut. Ok, es passt nicht immer gut in den Alltag, die Kinder zu wickeln. Bei uns lief es easy und entspannt. So wollte mein Sohn von einem Tag auf den anderen keine Windel mehr. Mit 3 Jahren und 2 monaten. Es hat total gut geklappt und gab so gut wie keine Zwischenfälle. Eben weil es von ihm aus kam. Deswegen bin ich beim zweiten auch ganz relaxt. Sie übt manchmal schon, aber ich merke dass sie noch nicht so weit ist und forciere daher nichts. Denn so würde es nur länger dauern und für alle viel blöder sein. Würde mal mit denen im Kindergarten reden.

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