Der Kern des Problems wird systematisch ignoriert

Ich hatte vorgestern ein sehr interessantes Gespräch mit einer entfernten Bekannten.

„Meine Tochter ist jetzt an der See mit den Kindern, auf einer Kur. Da ist es sehr schön.“

„Eine Mutter-Kind-Kur?“

„Ja. Und dort gibt es einen Kindergarten und ein großzügiges Zimmer.“

„Das freut mich für sie. Mit zwei kleinen Kindern und ihrem Job habe ich sie bewundert, wie sie das alles schafft.“

„Ja, aber sie muss auch mal raus. Immer nur Kinder ist ja langweilig. So sieht sie auch mal Kollegen.“

Ich dachte nur: OK. Ihre Tochter ist auf einer Mutter-Kind-Kur. Das ist nichts, was man aus Spaß macht. Das macht man, wenn man kurz davor ist, dass nichts mehr geht. Mütter müssen – nach meiner Information – bestimmte Symptome zeigen, damit ihnen diese Kuren überhaupt bewilligt werden. Aber an der Aussage, dass man ja gern neben den Kindern arbeiten geht, wird weiter felsenfest von vielen Müttern selbst und ihrem Umfeld festgehalten. Ich will auch gar nicht bezweifeln, dass eine Mutter vielleicht gern arbeiten geht. Aber, wenn man so erschöpft ist, dass man so eine Kur beantragt, läuft in der Gesamtbetrachtung aus meiner Sicht trotzdem etwas schief.

Da der Beruf „Mutter“ mit all seinen Anforderungen ja nicht anerkannt ist, existiert er nicht. Wäre es ein anerkannter Beruf, dann hätte meine Bekannte de facto im übertragenen Sinne Folgendes zu mir gesagt: „Ach, meiner Tochter ist es zu langweilig ein Hotel zu leiten, deshalb betreibt sie nebenbei noch einen Friseursalon.“

Wenn Mütter nicht mehr können, ist es ihnen teilweise anscheinend nicht einmal möglich, das zuzugeben, geschweige denn in ihrem Leben umzusteuern, denn dann müssten sie ja gleichzeitig zugeben, dass Arbeit und kleine Kinder zuviel auf einmal sind. Und das will ja keiner hören. Das klingt nach Scheitern.

Und wenn man sich nach einem längeren Leidensweg doch zu der Erkenntnis durchringen würde, dass man beides nebeneinander nicht schafft, was ist die Konsequenz? Die Kinder sind da, da kann man nicht umsteuern. Dann muss wohl in irgendeiner Form der Job dran glauben, sofern es irgendwie finanziell geht. Aber das ist ja nicht en vogue…

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8 Gedanken zu “Der Kern des Problems wird systematisch ignoriert

    1. Ja, das war gut. Wenn heute alle Mütter von Babies und Kleinstkindern unbedingt arbeiten wollten und dabei halbwegs glücklich und gesund wären, wäre ja alles in Ordnung. Aber so ist es ja nicht. Ich bekomme es in meinem Umfeld jeden Tag vor Augen geführt, aber fast keine der Frauen macht den Mund auf. Manchmal möchte ich am liebsten zu einer Demo aufrufen ;-), in den Innenstädten, mit Kind und Kegel. Nach dem Motto: So geht es nicht weiter …

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      1. Da gibt es glaub ich ein Buch: Frauen die letzte Kolonie. Kenne es aber nicht. Die Arbeitskraft der Frau wurde noch nicht voll erschlossen. Das wird jetzt nach dem Vorbild des Sozialismuses nachgeholt : D. Noch schlimmer als für die Mütter finde ich es für die Kinder denn so extreme Trennungen in so einer sensiblen Zeit sind fast irreparabel.

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        1. Danke für den Buchtipp. Ich gucke mal im Internet danach. Für viele Babies und Kleinstkinder sind gestresste Mütter, die sie nicht häufig sehen, sicher nicht so förderlich für die Entwicklung. Mich ärgert besonders, dass man bei dem Hinweis darauf, dass die meisten Mütter von Babies und Kleinstkindern gar nicht arbeiten wollen, sondern müssen, immer schnell in die Ecke des Heimchens am Herd gestellt wird, das nicht gern arbeitet. Das trifft auf mich z.B. gar nicht zu. Aber ich möchte, dass anerkannt wird, dass es verdammt schwer ist, ein Kleinstkind zu versorgen und einer Erwerbsarbeit nachzugehen.

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  1. Es gibt übrigens auch Zuhause-Bleibmütter, die reif für eine Kur sind, nicht nur wir berufstätigen Mütter, die diesen Spagat leben. Und wieder einmal vermisse ich das Erwähnen der Väter. Wo sind die? Und nein, nicht jede Mutter hat die freie Wahl oder möchte alles für die Kinder aufgeben, was ihr einmal wichtig war. Und das muss den Kindern nicht unbedingt schaden, im Gegenteil. Fordert vielleicht nur den Mann etwas mehr. Gründe für oder gegen das jeweilige Modell können sehr vielfältig sein. Für mich ist dieser Artikel wieder Einbau ein Schlag ins Gesicht der arbeitenden Mütter – ob mit anerkannter Erschöpfung oder ohne.

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    1. Der Artikel soll kein Schlag ins Gesicht der gerne arbeitenden Mütter sein. Natürlich gibt es viele Frauen, die erfüllende Berufe haben und dort verständlicherweise auf keinen Fall rauskommen möchten. Wenn der Artikel so aufgefasst werden konnte, tut es mir leid. Er wurde vor dem Hintergrund geschrieben, dass die „Tochter“ um die es geht, arbeiten muss. Diese Information habe ich, hätte ich vielleicht noch deutlicher machen müssen, wenn ich das jetzt so bedenke. Die „Tochter“ muss arbeiten, ob sie will oder nicht. Sie arbeitet, um das Einkommen der Familie zu sichern, sonst wäre sie mit ihren Kleinkindern noch zuhause geblieben. Nur, weil es viele Frauen gibt, die mit Kleinkindern gern arbeiten, heisst das nicht, dass es nicht auch sehr viele Frauen gibt, die mit Kleinkinder arbeiten müssen, auch wenn sie noch nicht wollen. Sie haben keine andere Wahl. Ich stimme Dir zu, dass viele Mütter, die zuhause bleiben, ebenfalls reif für die Kur sind. Das habe ich an dieser Stelle sicher außer Acht gelassen. Und die Väter sollten auch erwähnt werden. Das ist richtig. Aber wie ist denn die Realität mit den meisten Vätern? Es gibt Studien dazu, wieviel diese glauben zu helfen und wieviel sie aus Sicht der Frauen wirklich helfen. Wenn Du vielleicht noch einen Artikel dazu schreibst, wie man die Väter dauerhaft und wirkungsvoll noch mehr einbindet, wäre das sicher eine sehr gute Sache für uns alle. Ich würde ihn mit Interesse lesen.

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        1. Es freut mich, wenn ich Deinen Eindruck ein wenig geraderücken konnte. Ich werde da demnächst wahrscheinlich noch sensibler herangehen müssen. Für Tipps zur Einbindung der Männer wäre ich wirklich dankbar. Da kann man von Frauen, die Kind(er) und Job bereits vereinbaren nämlich vermutlich eine Menge lernen. Ich habe zwar einen tollen Mann, aber bei der Arbeitsteilung ist noch deutlich Luft nach oben ;-).

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