Eine Frage der eigenen Erfahrung

Was sagte uns die Kinderkrankenschwester im vorgeburtlichen Säuglingspflegekurs?

„Wenn das Kind erst einmal da ist, werden Sie nicht mehr 8 bis 10 Stunden am Tag arbeiten, sondern so ca. 16 Stunden.“

Alle anwesenden Paare warfen sich ungläubige Blicke zu und ich ertappte mich bei dem Gedanken, ob sie wohl ein wenig zur Übertreibung neigt.

Heute weiß ich es besser.

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Geht das wirklich nur mir so?

Eine Beobachtung beruhigt mich immer schon ein wenig: Ich kenne einige Mütter, die in letzter Zeit – entgegen ihren ursprünglichen Planungen – ihre Elternzeit immer wieder  verlängert haben oder nach Jobeinstieg die Arbeitszeit nach unten korrigierten oder andere weniger stressige Positionen in ihren Unternehmen antraten. Das ist für mich ein Indiz dafür, dass ich nicht allein mit meiner für mich persönlich aktuell sehr misslichen Situation bin.

Meine Elternzeit ist nun so gut wie rum.

Ich werde zurückerwartet.

Ich versuche Vorkehrungen für einen erträglichen Alltag mit Job und Kind zu treffen. Und ich würde mich nicht als von Natur aus irgendwie faul oder arbeitsscheu beschreiben.

Die letzten Jahre habe ich extremen Schlafmangel und keinen Urlaub gehabt. Das eine Wochenende, an dem mein Mann und ich ohne Kind an die See fahren konnten, bin ich die ersten fünf Stunden tagsüber im Hotelzimmer in einen komatösen Schlaf gefallen. Unseren einzigen anderen Urlaub in dieser Zeit, mit unserem Kleinkind, zähle ich bewusst nicht. Danach waren mein Mann und ich erst Recht urlaubsreif.

Ich komme mir nicht erst seit gestern vor wie ein Hamster in einem Rad. Dabei habe ich in meinem Alltag schon sehr viele sinnvolle Umstellungen vorgenommen, perfektionistische Denkweisen reduziert, mir viele Dinge erleichtert, indem ich die Ansprüche heruntergefahren habe.

Natürlich ist eine Rückkehr in den Job nach so langer Zeit auch mit Unsicherheit verbunden, davon bin ich nicht frei, aber eigentlich habe ich auch da in den letzten Monaten gute Voraussetzungen geschaffen und dachte wirklich, jetzt sei auch für mich der halbwegs richtige Zeitpunkt.

Nun ergeben sich jedoch seit zwei Monaten durch die ganz normale Entwicklung meines Kindes und auch durch den Wechsel in den Elementarbereich unserer Kita wieder so viele neue Bedürfnisse meines Kindes, dass ich heute Nacht nur noch gedacht habe: Wie soll das eigentlich gehen? Wer macht diese Vorgaben?

Ich bin dann drei Jahre zuhause geblieben. Ich kann mich schon als privilegiert betrachten und trotzdem würde ich am Liebsten sofort den Hörer in die Hand nehmen und meinem Chef sagen, dass das auch die nächsten drei Jahre noch nichts wird.

Wie machen das die Frauen in anderen Ländern? Bin ich irgendwie komisch? Ist mein Urteilsvermögen nicht mehr zuverlässig?

Aber mal ganz ehrlich, die meisten Arbeitnehmer mit den Symptomen von – sagen wir mal – mindestens 70% der heutigen Mütter, wie z.B. extremem Schlafdefizit, Kopfschmerzen, Schwindel und Erschöpfung würden von ihren Ärzten routinemäßig aus dem Verkehr gezogen und krankgeschrieben. Aber bei einer Mutter müssen erst einmal alle Stricke reißen bis irgendjemand reagiert.

Deshalb sollte man als Mutter selbst auf sich achten. Es tut kein anderer, na gut, vielleicht der ein oder andere nette Zeitgenosse.

Was will ich damit sagen? Für mich kristallisiert sich gerade heraus, dass ich mir das jetzt für mich die nächsten Monate ansehe und wenn es nicht geht, wenn ich nur noch auf dem Zahnfleisch krieche, nicht etwa weil die Arbeit so anstrengend ist – da mache ich mir weniger Sorgen, denn auch dort habe ich mit einem anderen, nun weniger verantwortungsvollen Job Vorkehrungen getroffen -, sondern weil das Leben drum herum einem keine Erholung erlaubt, dann höre ich wieder auf zu arbeiten, auch wenn ich dann starken Verzicht an anderer Stelle üben muss. Das ist dann eben so.

Aber auch diese Wahl haben nicht alle Mütter und das finde ich einfach nur traurig.

Fassaden

Manchmal würde ich gern hinter fremden und auch bekannten Hausfassaden spionieren. Unsichtbar für alle anderen sehen, wie das Leben dort wirklich ist.

Was würde ich sehen? Glück und Unglück, Armut und Reichtum, Liebe und Hass, Verzweiflung, Angst, Gemütlichkeit, Gespräche, Kontrolle, Vertrautheit, Schweigen? Was würde ich dabei fühlen? Zuneigung, Ablehnung, Verständnis, Liebe, Neid, Angst oder auch Hass?

Vielleicht würde ich Dinge sehen, die ich niemals sehen wollte. Vielleicht würde ich Dinge sehen, die mein Denken in eine neue Richtung lenken. In meiner Reaktion auf diese Dinge würde ich mich besser kennenlernen, aber mich vielleicht auch für immer verlieren.

Der Wunsch nach Wahrhaftigkeit würde gestillt. Aber gibt es vielleicht Wahrheiten, die ich nicht einmal erahnen kann? Auf die man nicht vorbereitet ist?  Gibt es Wahrheiten, die nicht zu den eigenen Vorurteilen passen und die man eigentlich gar nicht sehen möchte?

Das Gucken hinter fremde Fassaden hätte den Vorteil, sein Leben – und manchmal auch sein Leid – besser einordnen zu können und auch seine Mitmenschen, die allzu oft eine ganze Parallelwelt hinter ihren Fassaden verbergen.

Das Gucken hinter fremde Fassaden könnte Missverständnisse auflösen, Leid vermeiden, Verständnis wecken.

Ganze Familiengeschichten können vom Aufrechterhalten von Fassaden überschattet sein. Bestimmte Dinge dürfen nicht ausgesprochen werden, Kritik wird unterdrückt und Gefühle werden reglementiert. Fehleinschätzungen und ungesunde Werte werden von Generation zu Generation weitergetragen und auch die kleinsten Kinder schon konditioniert, nach außen hin ein bestimmtes Bild abzugeben. Und das alles nur, um nach außen als „vermeintlich“ funktionierendes Gebilde wahrgenommen zu werden. Im Inneren des Familiengebildes drückt es jedoch dem ein oder anderen fast die Luft ab, seine Persönlichkeit ist in die Fassade eingesperrt.

Ich werde niemals – für die anderen unsichtbar – hinter die Fassaden gucken können und das ist auch gut so.

Aber ich wünsche mir, dass mich ab und an eine Mutter hinter ihre Fassade gucken lässt. In Gesprächen erlebe ich diese Momente immer wieder und sie tun gut. Sie geben einem das Gefühl, doch nicht „unfähig“ und „irgendwie falsch“ zu sein, in dieser Zeit der steigenden Anforderungen, der ständigen Erreichbarkeit und des Multitaskings, einer Zeit, in der jede zweite Woche eine Zeitschrift das Thema „Burnout“ auf den Titel hebt, aber trotzdem immer weniger Menschen immer mehr Arbeit bewältigen müssen, während viele andere zuhause sitzen und mit dem Gefühl kämpfen, vermeintlich nutzlos zu sein. Der gewährte Blick hinter die Fassade gibt einem das warme Gefühl, doch nicht allein zu sein mit der manchmal aufkeimenden großen Verunsicherung in Anbetracht der großen Aufgabe, einen kleinen Menschen durch dieses Labyrinth zu begleiten, in dem man selbst ständig versuchen muss, den richtigen Weg zu finden und dabei nicht die innere Balance zu verlieren. In dem man manchmal zwischen Über- und Unterbewertung von Problemen schwankt, weil man heute für alles und jedes Informationen hat und alles drehen und wenden kann bis einem selbst ganz schwindelig wird. Diesem Labyrinth der unendlichen artikulierten Anforderungen an Mütter und Väter.

Der gewährte Blick hinter die Fassade, das „Dem-anderen-eine-Ahnung-davon-geben“, dass man selbst auch so seine kleinen Tricks hat, sich bestimmten Anforderungen zu entziehen, diese kleine menschliche, augenzwinkernde Verständigung nicht nur unter Vertrauten, sondern auch im Alltag unter Fremden, macht glücklich.

 

 

Frohe Weihnachten

Ich wünsche mir heute für all‘ diejenigen, die gerade aus irgendeinem Grund traurig sind oder sich allein fühlen oder deren Leben gerade besonders schwere Herausforderungen für sie bereithält, dass sie wissen, dass das Leben stetigem Wandel unterworfen ist und es in ein paar Wochen oder Monaten auch schon wieder anders aussehen kann. Ich weiß das aus eigener Erfahrung und habe mit meinem Kind ein paar bunte Kekse für Euch gebacken, damit Ihr einen Vorgeschmack darauf bekommt, was das Leben in Zukunft für Euch bereithält.

Frohe Weihnachten für Euch und ein wunderschönes Neues Jahr! Für alle, die dies lesen!

Was soll das?

Pünktlich zum Wiedereinstieg in den Job gibt es erhebliche Probleme. Womit bzw. wodurch? Durch die Kita und ihren Personalmangel.

Das nenne ich mal richtig klasse. Da wird einem immer suggeriert, dass man in Deutschland als Mutter ganz schnell wieder arbeiten gehen könne, weil es ja so eine gute Kitaversorgung gebe und dann das.

Es ist ja nicht so, dass man Probleme mit der Kita vorher noch nicht kannte.

Seit der Geburt wird man von dem Kitaproblem verfolgt. Erst sucht man wochen- und monatelang nach einem Platz in einer halbwegs akzeptablen Einrichtung, die auch noch irgendwie erreichbar ist, lässt sich auf zahlreiche Wartelisten schreiben, durchlebt regelrechte Eltern- und ggf. sogar Kindercastings und stellt am Ende fest, dass man die meisten der Probleme der letzten Jahre seit der Geburt ohne eine Kita gar nicht gehabt hätte.

Vorschlag an die Politiker unseres Landes: Nehmt einen Teil der großen Summen für die Krippenversorgung und zahlt es an die Mütter aus, die gerne noch ein wenig zuhause bleiben möchten. Nehmt einen anderen Teil des Geldes und stattet den Elementarbereich finanziell so aus, dass Dreijährige morgens nicht nur noch mit einem „Hi, wie heisst Du noch mal?  Sieh‘ zu, dass Du heute alleine klarkommst.“ ( 😉 ) begrüßt werden.

Und dass das offene System in den Kitas vorrangig dazu dient, die Kinder zu selbstständigen Individuen zu erziehen und nicht dazu, Personalkosten zu sparen, braucht mir auch niemand mehr zu erzählen.