Fassaden

Manchmal würde ich gern hinter fremden und auch bekannten Hausfassaden spionieren. Unsichtbar für alle anderen sehen, wie das Leben dort wirklich ist.

Was würde ich sehen? Glück und Unglück, Armut und Reichtum, Liebe und Hass, Verzweiflung, Angst, Gemütlichkeit, Gespräche, Kontrolle, Vertrautheit, Schweigen? Was würde ich dabei fühlen? Zuneigung, Ablehnung, Verständnis, Liebe, Neid, Angst oder auch Hass?

Vielleicht würde ich Dinge sehen, die ich niemals sehen wollte. Vielleicht würde ich Dinge sehen, die mein Denken in eine neue Richtung lenken. In meiner Reaktion auf diese Dinge würde ich mich besser kennenlernen, aber mich vielleicht auch für immer verlieren.

Der Wunsch nach Wahrhaftigkeit würde gestillt. Aber gibt es vielleicht Wahrheiten, die ich nicht einmal erahnen kann? Auf die man nicht vorbereitet ist?  Gibt es Wahrheiten, die nicht zu den eigenen Vorurteilen passen und die man eigentlich gar nicht sehen möchte?

Das Gucken hinter fremde Fassaden hätte den Vorteil, sein Leben – und manchmal auch sein Leid – besser einordnen zu können und auch seine Mitmenschen, die allzu oft eine ganze Parallelwelt hinter ihren Fassaden verbergen.

Das Gucken hinter fremde Fassaden könnte Missverständnisse auflösen, Leid vermeiden, Verständnis wecken.

Ganze Familiengeschichten können vom Aufrechterhalten von Fassaden überschattet sein. Bestimmte Dinge dürfen nicht ausgesprochen werden, Kritik wird unterdrückt und Gefühle werden reglementiert. Fehleinschätzungen und ungesunde Werte werden von Generation zu Generation weitergetragen und auch die kleinsten Kinder schon konditioniert, nach außen hin ein bestimmtes Bild abzugeben. Und das alles nur, um nach außen als „vermeintlich“ funktionierendes Gebilde wahrgenommen zu werden. Im Inneren des Familiengebildes drückt es jedoch dem ein oder anderen fast die Luft ab, seine Persönlichkeit ist in die Fassade eingesperrt.

Ich werde niemals – für die anderen unsichtbar – hinter die Fassaden gucken können und das ist auch gut so.

Aber ich wünsche mir, dass mich ab und an eine Mutter hinter ihre Fassade gucken lässt. In Gesprächen erlebe ich diese Momente immer wieder und sie tun gut. Sie geben einem das Gefühl, doch nicht „unfähig“ und „irgendwie falsch“ zu sein, in dieser Zeit der steigenden Anforderungen, der ständigen Erreichbarkeit und des Multitaskings, einer Zeit, in der jede zweite Woche eine Zeitschrift das Thema „Burnout“ auf den Titel hebt, aber trotzdem immer weniger Menschen immer mehr Arbeit bewältigen müssen, während viele andere zuhause sitzen und mit dem Gefühl kämpfen, vermeintlich nutzlos zu sein. Der gewährte Blick hinter die Fassade gibt einem das warme Gefühl, doch nicht allein zu sein mit der manchmal aufkeimenden großen Verunsicherung in Anbetracht der großen Aufgabe, einen kleinen Menschen durch dieses Labyrinth zu begleiten, in dem man selbst ständig versuchen muss, den richtigen Weg zu finden und dabei nicht die innere Balance zu verlieren. In dem man manchmal zwischen Über- und Unterbewertung von Problemen schwankt, weil man heute für alles und jedes Informationen hat und alles drehen und wenden kann bis einem selbst ganz schwindelig wird. Diesem Labyrinth der unendlichen artikulierten Anforderungen an Mütter und Väter.

Der gewährte Blick hinter die Fassade, das „Dem-anderen-eine-Ahnung-davon-geben“, dass man selbst auch so seine kleinen Tricks hat, sich bestimmten Anforderungen zu entziehen, diese kleine menschliche, augenzwinkernde Verständigung nicht nur unter Vertrauten, sondern auch im Alltag unter Fremden, macht glücklich.

 

 

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