Eisige Kälte

Als sie den Supermarkt verließ und in die eisige Kälte hinaustrat, sah sie ihn an sich vorbeihuschen. Wie einen Schatten. Sie tat, was sie immer tat: Griff‘ nach ihrem Portemonnaie, um ein, zwei Euro hervorzuholen, hinter ihm her zu eilen und sie ihm in die Hand zu drücken. Das konnte sie sich aber auch nur leisten, weil sie ihn nicht jeden Tag traf, dachte sie manchmal. Aber, was hieß schon leisten können. Mal ganz ehrlich: Sie leistete sich doch auch regelmäßig eine Schokolade hier, ein Kuchenstück dort.

Er, das war ein großer schlanker Mann, um die fünfzig, aus Südosteuropa, den sie schon seit Jahren kannte und auch nicht kannte. Er lief die Straßen der Innenstadt ab, auf der Suche nach Flaschen. Er war schon früh am Morgen unterwegs; unermüdlich, aber dafür mit sehr müden, matten Augen, guckte er in jeden Mülleimer, der auf seiner Strecke lag. Mit bloßen Händen suchte er in ihnen herum. Sie fragte sich, ob er keine Angst habe, sich zu schneiden oder anderweitig zu verletzen. Vermutlich hatte er sie, aber er hatte keine andere Wahl. Sie hatte schon mehrmals erwogen, ihm Handschuhe zu kaufen, war dann aber wieder mit ihrem eigenen kleinen Leben mit dem begrenzten Horizont beschäftigt gewesen.

Er war immer unterwegs, stundenlang, bei Sonne, bei Regen, bei eisigem Wind, bei Glatteis und wenn der Schnee die schmutzigen, stinkenden Mülleimer mit einer reinen, weißen Decke überzog.

Sie sprachen nie. Wenn sie ehrlich war, wollte sie auch nicht sprechen. Sie ahnte, dass sein Leben Geschichten barg, denen zuzuhören, sie sich nicht gewachsen fühlte, die auf ihr lasten und die sie letztendlich zum Handeln zwingen würden. Und sie wusste nicht, ob sie das wollte und konnte. Ja, sie musste ehrlich zu sich sein. Sie war ein sehr durchschnittlicher Mensch. Wenn es wirklich um etwas ging, machte sie lieber einen Rückzieher. Sie war eine klitzeklitzekleine Gelegenheits-Wohltäterin, die gern Abstand hielt.

Heute guckte sie ihm etwas länger als sonst ins Gesicht, als sie ihn eingeholt hatte, um ihm mit den unbeholfenen Worten „Ich habe noch etwas für Sie“ zwei Euro in die Hand zu drücken. Er, sensibel wie er offensichtlich war, bedankte sich, wie immer, und verweilte nicht, sondern eilte schnell davon, wie immer. Er wollte sie nicht in Verlegenheit bringen, das wusste sie.

Auch, wenn sie sich vorm Supermarkt nur fast über den Weg liefen, verlangsamte er nie den Schritt, um sie doch noch zu treffen, damit sie ihm etwas geben konnte. Sie musste immer hinter ihm hereilen. Er war stolz. Er bat niemanden auf der Welt um etwas. Das konnte man spüren. Und wenn sie ehrlich war, mochte sie das. Und sie mochte, dass auf diese Weise das kleine, gelegentliche „Helfen“ niemals aus dem Ruder laufen konnte. Es war für sie kalkulierbar.

Heute, als er wieder schnell davonhastete, guckte sie ihm länger hinterher und sie war geschockt. Sein Gesicht war eingefallener als sonst, seine Beine waren so unglaublich dünn geworden, die Hose verschlissen. Es war bitterkalt. Er sah krank aus.

Sie lief noch einmal hinter ihm her, drückte ihm einen 10-Euro-Schein in die Hand und murmelte „Falls sie etwas brauchen“. Im Nachhinein dachte sie: So etwas Dummes. Falls er etwas brauchte … Es fehlte ihm an allem. Was halfen ihm schon zehn Euro? … Er bräuchte neue Hosen, eine neue Jacke, Handschuhe, vermutlich auch Schuhe, darauf hatte sie nicht geachtet.

Aber, wie hatte eigentlich er auf den 10-Euro-Schein reagiert?

Er hatte ihr ein wunderbares Lächeln geschenkt und sich wirklich gefreut.

Nun, da sie wieder zuhause saß, in der warmen Wohnung, in der es ihr an nichts fehlte, wurde ihr etwas klar: Es war so wie es war. Sie hatte Berührungsängste, die vielleicht sogar auch ihre Berechtigung hatten. Sie spürte, dass sie nicht in der Lage war, sich seines schweren Schicksals anzunehmen.

Aber würde es ein Problem sein, einem Mann, der demnächst vielleicht mal wieder an ihr vorbeihuschte, der sie niemals um etwas gebeten oder jemals bedrängt hatte, beim nächsten Zusammentreffen eine warme Jacke aus dem Auto zu holen und sie ihm zu geben? Sie würde gleich mal die Kleiderschränke durchforsten.

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