Sie war wieder vor dem Wecker aufgewacht …

Zeit, zu grübeln … nachzudenken. Eigentlich eine gute Sache. Aber nicht um diese Uhrzeit. Und, fragte sie sich selbst, wie war ihre Gemütslage, jetzt, da ihre Rückkehr in den Job gerade mal ein paar Wochen her war? Sie war ein bißchen stolz, dass sie bis hierher durchgehalten hatte. Hatte sie doch die ersten zwei Wochen eine Erkältung gehabt, aber diese anfänglich erfolgreich ignoriert und später erfolgreich mit Medikamenten im Zaum gehalten. Sie war immer pünktlich erschienen, ohne gehetzt zu sein. Objektiv betrachtet war an ihrem Erscheinungsbild nichts auszusetzen gewesen. Ihr Chef hatte sich nicht über mangelnden Einsatz beklagen können. Sie hatte sogar schon Kuchen gebacken, um ihren Wieder-Einstand zu geben. Als ihr Kind dann doch die letzten Tage krank geworden war, hatte sie wie der Blitz ihre Mutter organisiert und im Büro kam diese „private Sache“ gar nicht zum Vorschein. Kind krank, alles organisiert. Mutter voll funktionstüchtig. Aus Sicht des Arbeitgebers verdiente sie mehrere Sternchen.

Die Tage, als ihre Mutter morgens zur Stelle war und sie selbst einfach nur zur Arbeit fahren musste, ohne ihr Kind fertig zu machen und in der Kita abliefern zu müssen, hatten sich zwischenzeitlich fast wie Urlaub angefühlt. Es war ihr deutlich aufgefallen. Das bestätigte ihre Vermutung, dass genau diese täglichen Transfers vor und nach der Arbeit das Nervenkostüm einer Mutter bis auf das Äußerste strapazierten.

Sie spürte, dass sie durchhalten wollte. Die neue Situation gab ihr etwas, das ihr gefehlt hatte. Es war diese verflixte Anerkennung. Sie war sich sicher. Und es war auch etwas anderes. Das Ausbrechenkönnen aus einem Leben, das sich ausschließlich ums Kind drehte. Auf einmal gab es keine längeren Gespräche mit den Erzieherinnen mehr, die sie, je nach Laune der jeweiligen Erzieherin, die letzten Jahre auch manchmal verunsichert oder heruntergezogen hatten. Sie arbeitete, man ließ sie in Ruhe. Die Arbeit konnte auch gut mal als Ausrede für das ein oder andere herhalten. Und es fühlte sich so wunderbar an, frisch zurecht gemacht, gut gekleidet aus dem Haus zu gehen. Es fühlte sich geordnet an. Es gab ihr das Gefühl, dass ein wenig der alten Ordnung, von vor der Geburt, wo der Alltag noch halbwegs kalkulierbar gewesen war, wieder Einzug in ihr Leben gehalten hatte. Das wollte sie nicht wieder aufgeben.

Eine andere Betrachtung, die nüchterne Analyse ihres restlichen Alltags, war weniger befriedigend. Sie schlief fast nur noch, wenn sie von der Arbeit kam. Sie und ihr Kind hatten Stunden über Stunden im Wohnzimmer verbracht. Sie immer wieder wegnickend auf dem Sofa, ihr Kind vor dem Fernseher, vor den immer gleichen DVDs. Sie waren selten draußen gewesen und hatten sich so gut wie nie verabredet. Besonders schlimm waren die letzten Tage, denn ein krankes Kind musste ja auch nachts versorgt werden. So hatte sie ab 4 Uhr morgens jeweils nicht geschlafen. Ihren Arbeitstag hatte sie noch irgendwie herumbekommen, aber dann war auch „Schicht im Schacht“ gewesen.

Was würde sie sagen, wenn sie jetzt jemand fragen würde: Möchtest Du weiterarbeiten oder nicht? Möchtest Du weiter Dein neues, jetziges Leben leben oder Dein Leben von vor ein paar Wochen?

Ihr Körper würde rufen, dass er lieber das alte Leben zurückhaben wollte. Sofort! Er war erschöpft.

Ihre Eitelkeit würde Einwände dagegen haben. Sie hatte ein paar Streicheleinheiten erfahren, auf die sie nicht wieder verzichten wollte. Sie verlangte nach mehr. Auch ihr Mann hatte sie mit anderen Augen angesehen, das hatte sie bemerkt, wenn sie in ihrem schicken neuen Hosenanzug morgens die letzten Dinge vor der Abfahrt zur Kita organisierte. Auch Männer waren nicht vor dem Mythos der „Super-Working-Mum“ gefeit.

Ihre Geselligkeit würde sich die Gespräche mit den Kollegen nicht so leicht wieder wegnehmen lassen wollen. Ihre Neugier auch nicht.

Ihr Kopf würde sagen, dass es ihm gut getan hatte, sich im Büro in Ruhe auf Dinge konzentrieren zu dürfen. Er würde ihr zu Bedenken geben, dass sie es doch genossen hatte, Dinge zu schaffen, die nicht gleich wieder dahin waren. Was sie geschafft hatte, hatte Bestand. Sie konnte das Resultat sehen. Und andere auch. Zuhause stellte sie immer nur einen Ausgangszustand wieder her. Permanent. Und was hatte sie zuhause geschafft, im Haushalt? In den letzten Wochen? Nur das Nötigste. Es war ordentlich bei ihnen. Das war ihr wichtig. Ordentlich nach ihrer neuen Definition. Kinderspielzeug übersah sie einfach, es galt nicht als Unordnung, so lange es sich nur in bestimmten Räumen ausbreitete und man nicht darüber fallen konnte. Aber, als sie an einem Nachmittag das Bad geputzt hatte, weil sie dessen Zustand einfach nicht mehr länger ignorieren konnte, war sie nachher total erledigt gewesen.

Ihr Herz würde sagen, dass ihr Kind, das sie über alles liebte, schon mal besser umsorgt worden war. Ihr Kind war auch schon weniger angeschnauzt worden als in den letzten Wochen. Es hatte schon deutlich mehr Aufmerksamkeit bekommen als in den letzten Wochen. Aber nahm es gerade Schaden? Ganz so dramatisch schien ihr die Situation noch nicht. Es war ja eine Übergangsphase. Es müsste doch leichter werden. Oder? Aber, sie würde das im Auge behalten müssen … ja, müssen. Sie durfte sich nicht blenden lassen … von den so ersehnten Streicheleinheiten für ihre Eitelkeit.

Sie hätte jetzt, zu diesem Zeitpunkt, keine Antwort geben können.

 

 

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4 Gedanken zu “Sie war wieder vor dem Wecker aufgewacht …

        1. Danke :-). Es gibt sicher auch Frauen, die mehr Energie haben und nachmittags noch große Programme abarbeiten. Aber ich möchte für die Frauen schreiben, deren Kapazitäten begrenzt sind ;-), so wie meine. Deshalb habe ich mir gesagt. Ich komme hier nur mit Ehrlichkeit und genauem HInsehen weiter. Und wer weiß? Vielleicht spielt sich ja alles noch auf eine gute Weise ein … 😉

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