Rauer Ton

Zwei Uhr Nachts:

„UUUUUUhhhuuuuuu“ tönt es aus dem Kinderzimmer.

Schlaftrunken tastet sie nach ihrer Brille auf dem Nachttisch und sagt zu sich selbst „Freundlich sein“

Sie tappt ins Kinderzimmer „Was ist denn, mein Schatz?“

„UUUUUUhhhuuuuuu, mein Plastikeinhorn, es ist weg!“

„Das haben wir doch gestern Abend nicht gefunden. Das ist in der Wohnung unterwegs. Wir finden es morgen, mein Schatz. Schlaf schön.“

„Ja, Mama.“

 

Zwei Uhr Nachts, ein paar Wochen später:

„UUUUUUhhhuuuuuu“ tönt es aus dem Kinderzimmer.

Schlaftrunken tastet sie nach ihrer Brille auf dem Nachttisch.

Sie tappt ins Kinderzimmer und fragt ungehalten „Was ist denn jetzt schon wieder los?“

„UUUUUUhhhuuuuuu, mein Plastikeinhorn, es ist weg!“

„Das haben wir gestern Abend nicht gefunden. Jetzt reicht es. Ich muss schlafen.“

„UUUUUUhhhuuuuuu.“

Sie verlässt das Kinderzimmer, begleitet vom Weinen ihres Kindes und legt sich todmüde wieder ins Bett.

 

Zwischen diesen zwei Szenen liegen mehrere Wochen, sie hat wieder angefangen zu arbeiten.

 

Als sie wieder im Bett liegt, macht sich Traurigkeit breit. War es nicht so, dass ihr Kind einfach aus dem Fokus geraten war? Probleme ihres Kindes waren nicht einfach weg, sie wurden teilweise einfach nur nicht mehr gesehen. Hatte das nicht auch etwas Bequemes? Für sie selbst? Für die Kita? Waren nicht für Kitas generell arbeitende Mütter viel leichter handlebar? Sie waren mit sich selbst beschäftigt, sie sahen nicht hin.

Klar, es hatte deutliche Besserungen gegeben und man konnte mit der jetzigen Versorgung ihres Kindes leben. Aber wünschte sie sich das für einen so sensiblen kleinen Menschen? Ein Minimum an Zuwendung? Sie sah, wie ihr Kind sich danach sehnte, gesehen zu werden.

Von den Erziehern, die auf Gefühlsregungen ihres sensiblen Kindes bewusst ein wenig unterkühlt reagierten, um es nicht gleich wieder am Rockzipfel hängen zu haben. Bloss keine Hoffnungen schüren, die man nicht erfüllen konnte/wollte.

Ihr Kind sehnte sich auch danach, von ihr, seiner Mutter, wieder mehr gesehen zu werden.

War sie nicht in Ordnung, weil sie sich solche Gedanken machte? Sie lebte in einem Land, in dem Mütter nach der Geburt – im Vergleich zu anderen Ländern – sogar eine lange Schonfrist hatten. Wenn sie sich beklagte, dann war das schon auf hohem Niveau.

Aber, es fühlte sich Einiges so falsch an. Sie schwankte zwischen „Mein Kind muss jetzt mal lernen, dass es nicht immer die erste Geige spielen kann.“ und „Man wusste so viel über die emotionalen Bedürfnisse von Kindern und trat sie auch in ihrem „zivilisierten“ Land mit Füßen, durch den auf die Mütter ausgeübten Druck, schnell wieder am Arbeitsleben teilzunehmen.“ Wenn sie ersteres postulierte, bekäme sie von Vielen um sich herum Beifall, das wusste sie. Zweiteres würde Kopfschütteln auslösen und sie als „ewige Glucke“ abstempeln.

„Glucke“, auch in ihrem Land ein Schimpfwort, wie „Heimchen am Herd“ … wie „Herdprämie“. Diese hatte sie geschätzt, als sie die übliche Zeit des Zuhausebleibens überzogen hatte. Sie hatte ihr ein wenig Respekt vermittelt. Auch wenn sie nicht erzkonservativ war, hatte ihr diese politische Richtung in ihrer Situation Respekt gezollt. „Arbeit“ am Kind, für ein Kind, um ein Kind herum, ist etwas wert. Ja, es war viel wert. Es drückte sich im Strahlen ihres Kindes aus, in seinem Glück, gesehen zu werden, sich angenommen zu fühlen, nicht einfach nur wegorganisiert und irgendwie ruhiggestellt zu werden.

Es machte sie unendlich traurig, dass Mütter, die so etwas sahen und formulierten, sich gleich dem impliziten Vorwurf der „Arbeitsscheue“ ausgesetzt sahen.

Sie hatte die letzten Wochen gute Arbeit geleistet. Sie hatte sich gut damit gefühlt, auch mal wieder woanders gebraucht und vor allem geschätzt zu werden. Viele Dinge waren ihr erstaunlich leicht von der Hand gegangen. Sie hatte nicht einmal das Gefühl gehabt, lange weg gewesen zu sein. Die Uhren dort tickten noch immer so wie früher. Wenn sie ehrlich war, war sie mit ihrem nun neuen Job in der Firma sogar manchmal bei der Arbeit entspannter als zuhause mit Kind.

Aber, es war trotzdem ein Kraftakt. Es war ihr altes und ihr neues Leben zusammen in ihr kleines Leben gequetscht. Kaum Luft zum Atmen.

Eines konnte niemand wegdiskutieren: Es gab da auch noch diesen kleinen Menschen, der in der heutigen Gesellschaft mit spätestens drei Jahren zusehen sollte, wie er selbst klar kam.

Sie war nicht mehr allein, wie in der Zeit, in der sie als gutverdienende Kinderlose viele Überstunden gemacht und einen Großteil ihrer Kraft für die Arbeit aufgewendet hatte. Es gab jetzt Jemanden, der einen Teil von ihr brauchte und dieser kleine wunderbare Jemand war da und beanspruchte zu Recht seinen Platz.

Sie musste das alles aufschreiben, jetzt gleich.

Und als sie diese Zeilen geschrieben hatte, machte es wieder

„UUUUUUhhhuuuuuu“ aus dem Kinderzimmer.

Sie ging ins Kinderzimmer „Was ist denn, mein Schatz?“

„UUUUUUhhhuuuuuu, mein Plastikeinhorn, es ist weg!“

„Das haben wir doch gestern Abend nicht gefunden. Das ist in der Wohnung unterwegs. Wir finden es morgen, mein Schatz. Schlaf schön.“

„Ja, Mama. Kannst Du mich zudecken?“

„Ja klar, mein Liebling!“

 

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9 Gedanken zu “Rauer Ton

  1. Ja, Du machst Dir viele Gedanken. Ich kann das verstehen, ich kann das nachvollziehen. Wir sind Mütter, die ihre Kinder lieben und nur das Beste für sie wollen. Aber wir müssen auch herausfinden, was für UNS SELBER das Beste ist. Es ist anstrengend, dieser Spagat. Daran beißt die Maus keinen Faden ab. Du solltest herausfinden, was Du wirklich möchtest und wenn es geht, etwas ändern. Aber ich bin mir sicher, dass Dein Kind keinen Schaden nimmt, wenn Du gerne (!) arbeiten gehst oder Dir auch Zeit für Dich nimmst, so lange es in Eurer gemeinsamen Zeit mit Respekt und liebevoll behandelt wird. Es muss sich vielleicht auch erst an die neue Situation gewöhnen, aber versuche mal etwas mehr loszulassen und nicht alles als ein Problem zu sehen, dass Deinem Kind dauerhaft Schaden zufügt. Das wird es nicht. Es geht leider nicht alles so, wie wir es uns immer ausmalen. Ja, vielleicht war dieser Kommentar jetzt total diffus, aber hoffentlich weißt Du trotzdem, was ich meine – und das ich es gut meine!

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    1. Ich verstehe genau, was Du meinst, denn ich sehe auch die positiven Aspekte, die sich durch das Arbeiten für mich ergeben. Und ich glaube auch, dass Kinder das Leben selbst auch lernen müssen und es wahrscheinlich gar nicht weiter schlimm ist, wenn sie nach und nach sehen, dass nicht immer alles perfekt laufen kann. Es ist nur alles so kräftezehrend. Aber, das ist ja leider bei jeder Mutter so 😉

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      1. Na pauschal sagen dass das Kind keinen Schaden nimmt kann man ja nicht nur weil es der Mutter mit oder Arbeit gut geht. Dann würden wir uns ja auch gar keine Gedanken machen. Sehen wir nur zu den bindungsstörungen in Frankreich …
        Aber ich denke wir haben den diffusen Kommentar trotzdem alle verstanden. 🙂

        Immerhin noch eine Mama die sich heute nicht so klar ausdrücken kann. Hihi. Wie ich auf meinem Blog. Hach das Leben ist doch lustig 🙂

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        1. Ja, Frankreich ist ein interessantes Beispiel, da werden vier Monate alte Kinder von 7:30 bis 18:30 Uhr abegegeben. Das kann aus meiner Sicht nicht gesund sein. Und jede Mutter weiss, dass es nur wenige Erzieher gibt, die die Zuneigung einer Mutter adäquat ersetzen können und wollen.

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          1. Selbst wenn sie luebevoll sind: Erzieherinnen können in dem Setting keine Eltern ersetzten. Sie sind nicht immer da. Eine normale Bindung ist nicht möglich. Urlaub, krankheit, schichtdienst, und das Ende der creche sowie zu viele Kinder auf einmal.

            In den heimen damals sind die Babys ja nicht gestorben weil die kinderpflegerinnen lieblos waren, sondern weil die Umstände keine ausreichende emotionale Unterstützung bieteten.

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  2. @Simmi: du bist so gnädig zu mir. Danke ;). Frankreich ist in meinen Augen echt ein Negativ-Beispiel. Genauso wie für mich die ehemalige DDR. Es könnte alles so viel besser laufen. Wieso können Frauen nicht – wenn sie es wünschen – generell ein paar Jahre Teilzeitkräfte arbeiten, ohne dabei finanziell auch bezüglich späterer Rente das große Nachsehen zu haben? Wieso kann es kein Elternteils für 3 Jahre geben? Wieso muss alles in den Kita-Ausbau gesteckt werden? Und ja, ich denke erst so, seit ich selber unter der Last zusammen gebrochen bin…

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    1. Genau, wieso muss alles in den Kita-Ausbau gesteckt werden? Das frage ich mich auch immer. Und es sind große Summen. Sind fremde, nach wie vor oft sehr unterbezahlte Menschen etwa per se eine bessere Betreuung für ein Kind unter drei Jahren, das gemäß Entwicklungspsychologie in der Zeit bedeutende Schritte in seiner emotionalen Entwicklung macht? Nein, es geht nur darum, dass die Frauen schnell dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen, ob sie wollen oder nicht. Echte Freiheit für die Frauen wäre eine individuelle Wahl: Will ich teure Kitaplätze in Anspruch nehmen, weil ich gern arbeiten möchte, oder mein Kind gegen eine Art längeres Elterngeld nicht doch selbst betreuen?

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      1. Nachtrag: Und natürlich könnte man auch Teilzeitmodelle erdenken, bei denen man Geld, das jetzt nur in den Kita-Ausbau fließt, an die Eltern zahlt, damit sie weniger Stunden arbeiten müssen und trotzdem finanziell über die Runden kommen.

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