Möglichst unnatürlich bitte!

In unserer Stadt gibt es ein Kitaproblem. Es gibt insgesamt zu wenig Kitas und von den Kitas, die es gibt, sind viele auch nicht besonders berauschend (damit meine ich keinen Mangel an „Brimborium“, sondern die mangelnde Zuwendung für Kinder). Das führt dazu, dass die bekanntermaßen qualitativ besseren Kitas gar nicht mehr ans Telefon gehen oder E-Mails beantworten. Sie können aus dem Vollen schöpfen.

Wenn man also nun einen neuen Platz sucht, was man, wenn man nicht ganz verrückt ist, auch nur tut, wenn es gar nicht mehr geht und das eigene Kind von Tag zu Tag unglücklicher wird, dann kann man sich auf etwas gefasst machen: Besichtigungstermine mit dem Charakter von Vorstellungsgesprächen.

Da kann es schon falsch sein, wenn das eigene Kind zu enthusiastisch in den Kletterraum der Kita verschwindet und sich eine Weile vor Begeisterung nicht mehr wegbewegen lässt. Es kann auch kritisch werden, wenn die Kitaleitung dem eigenen Kind Fragen stellt oder man selbst es wagt, eine Frage zu stellen, die nicht genehm ist. Dann heißt es: Danke, das war’s. Oder: Ich glaube, Ihr Kind ist in ihrer jetzigen Kita mit dem offenen System ganz gut aufgehoben. Es ist doch sehr selbstbewusst.

Wenn das eigene Kind aus einer nicht so guten Kita kommt, weshalb man sich ja nun schweren Herzens durchgerungen hat, etwas zu unternehmen, kann es auch sein, dass es schon so „geschädigt“ ist, dass es die „Vorstellungsgespräche“ bei neuen Kitas so nicht bestehen kann. Ich als Mutter habe dann, wegen der in der alten Kita verhunzten Sauberkeitserziehung das Problem, zugeben zu müssen, dass mein Kind mit 3 noch Windeln trägt. Da kann es sein, dass ich bei 60% der potenziellen neuen Kitas raus bin. Die Wenigsten von ihnen werden das als Grund angeben. Aber es kann sehr wohl einer sein (Info von einer Erzieherin!). Auch die in den Monaten vor dem Wechselwunsch durch das Kind erlittene ungünstige Behandlung in der alten Kita hat Folgen. Es ist unruhig und unglücklich und unausgeglichen. Das wird die Leiterin der neuen Kita sofort sehen (Aber anstatt zu denken, dem kleinen Spatz helfe ich, die Mutter hat mir erzählt, dass er mehr Zuwendung als im offenen System braucht, denkt sie „Oh Gott, die Arbeit halse ich mir nicht auf“).

Generell steht man als Mutter, die einen Wechsel für ihr Kind sucht, unter schärfster Beobachtung. Es könnte ja sein, dass man eine unerträgliche Querulantin ist. Am Liebsten würde man rufen: Mit mir werdet Ihr gar keinen Stress haben, mich interessieren Eure Speisepläne, Projektwochen, Ausflüge nicht. Wenn bei Euch nur irgendjemand mein Kind mal ab und zu an die Hand oder in den Arm nimmt.

So hat die schlechte bisherige Kita erreicht, was ihr auch noch hilft. Mütter, die das für ihr Kind nicht mehr möchten, sind bei ihr gefangen.

Das ist ein sehr schlechtes System. Der Grund dafür ist die Überlastung des Personals. Keiner will Kinder mit kleinen oder großen Ecken und Kanten, geschweige denn Problemen. Die sollen die anderen Kitas nehmen. Aber keiner nimmt sie und so werden sensible Kinder mit dem Wunsch nach Bindung von vornherein, noch bevor sie zur Schule kommen, massiv benachteiligt.

Ein Kind, das ein echtes Kind mit Bedürfnissen ist, macht zu viel Arbeit!

 

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25 Gedanken zu “Möglichst unnatürlich bitte!

    1. Liebe Ann, über dieses Kompliment kann ich mich leider überhaupt nicht freuen ;-). Ich würde mir so wünschen, dass es anders wäre. Ich sehe, dass die Kinder, die monatelang gehauen haben oder andere Auffälligkeiten zeigten, besser klarkommen in diesem System. Und das macht mir Sorge. Nichts gegen diese Kinder. Sie sind Kinder, sie können nichts dafür und ich mag sie alle. Aber es gibt mir zu denken, wenn ein Kind, das Bindung sucht, von Erziehern zum Außenseiter gemacht wird, noch ehe es richtig sprechen kann.

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      1. Aber diese Kinder lernen auch Strategien, sie suchen sich passende Freunde. Und finden so ihr Glueck und Zufriedenheit. Diese Schwierigkeiten macht sie aber haeufig zu faehigeren Erwachsenen…. Also so schlimm ist das alles nicht!

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        1. Ja, ich hoffe das auch. Mein Mann hatte die schöne Idee, meinem Kind ein Hobby zu suchen, in dem es richtig aufgeht und aus dem es Selbstbewusstsein und Zufriedenheit ziehen kann. Aber trotz dieser Ausweichstrategien tut es doch immer weh, zu sehen, wenn diese Dinge gerade so wenig rund laufen.

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          1. wenn Dein Kind introvertiert ist, wird es immer anders sein…ich kann ein Lied davon lesen…….hast DU mal meinen Beitrag gelesen, „leben in einer Welt, in der immer nur geredet wird“ ?

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            1. Ein interessanter Beitrag, Ann. Was mein Kind ist, kann ich noch nicht genau sagen, muss ich gestehen. Es ist geräuschempfindlich und liebt aber trotzdem Musik und Tanzen. Es redet gern und mag Feste, aber es kann auch stundenlang zuhören, wenn ich vorlese.

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              1. Ich meine auch nur langfristig, ich habe es lange bei meinem Kind nicht erkannt, er war voellig unproblematisch, hatte auch einen Freund. Fuehlte sich aber in Gruppen unwohl und zog sich zurueck…

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                1. Es ist gut, dass Du mir das so sagst, denn mein Mann ist sehr introvertiert und von mir meinen immer alle, ich sei extrovertiert, weil ich alle in Grund und Boden quatschen kann, aber ich bin eigentlich auch introvertiert, weil ich ganz viel Zeit für mich allein brauche. Warum sollte unser Kind nicht eigentlich auch introvertiert sein, auch wenn es gut quasseln kann ;-). Ich werde darauf achten. Sonst presse ich es in der Tat in ein Schema, das gar nicht seinem Naturell entspricht.

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                    1. ich meinte auch nur langfristig beobachten, ich hätte mir gewünscht, dass mich jemand darauf aufmerksam gemacht hätte. Dann hätte ich nicht so viel Zeit verloren und Diskussionen, warum er so viele Dinge nicht machen wollte 😉

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  1. klingt ja furchtbar. Wohnt ihr im tiefsten Westen in einer Nicht-Großstadt? Das hier jemand das Thema Trocken werden überhaupt zur Sprache brächte, kann ich mir nicht vorstellen. Es ist doch normal, dass 3jährige noch gewickelt werden (genauso normal wie eine frühere Windelfreiheit mit 2). Du hast zwar den Druck, aber gibt nicht zuviel nach. Wenn IHR keinen guten Eindruck von denen habt, wird es nicht besser als in der alten Kita! Das wichtigste ist, dass dein Kind merkt, dass du hinter ihm stehst. Dann kann es auch noch einige Zeit in der alten Kita verbringen ohne Schaden. Es weiß ja, Mama / Papa kümmern sich. Vielleicht schickt ihr auch mal den VAter vor, Männer, die sich im Kinder kümmern, kommen ja bei Erziehern allgemein oft besser an 😉

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    1. Danke für Deine Anregungen. Mein letzter Text war vielleicht mißverständlich. Wir haben gerade noch keine neue Kita angesehen, aber vor einiger Zeit schon mal. Und wie gesagt, das mit dem Trocken bzw. Sauber sein ist schon ein Thema. Es wird aber nicht offen drüber gesprochen. Sonst hätte mich unsere Kita ja auch nicht so unter Druck gesetzt. Wir wohnen in keiner kleinen Stadt. Mehr kann ich nicht verraten ;-).

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        1. Bei uns wird vielleicht nicht überall explizit gefragt, ob das Kind noch gewickelt werden muss, aber man kann davon ausgehen, dass es dem Kind nicht besonders gut ergehen wird, wenn die Erzieher das erst erfahren, wenn das Kind dann in der neuen Kita ist. Es sei denn, es handelt sich zufällig um eine Kita, die genug Personal dafür hat.

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    1. In diesem Beitrag habe ich meine Erfahrungen mit Informationen und Erwartungen verknüpft. Er bezieht sich nicht auf bereits absolvierte viele „Vorstellungsgespräche“ aus dieser neuen Situation heraus. Aber, ich werde demnächst berichten, wie die Suche jetzt wirklich verläuft. Vielleicht haben wir ja auch Glück und es brauchen doch Kitas Kinder. Dann wird es sicher leichter als hier beschrieben.

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