Störendes Grundrauschen

Es gab da etwas, für das ihr just eine Formulierung in den Sinn gekommen war, eine Sperrige zwar, aber sie schien halbwegs treffend. Sie nannte es „Störendes Grundrauschen“ und meinte etwas, das da war, sich unauffällig in ihr Leben geschlichen hatte, und beinahe unbemerkt seine Wirkung entfaltete. Es waren die negativen Auswirkungen der schlechten Eingewöhnung in der Kita auf ihr Kind und somit auch auf sie. Über die letzten Wochen war ihr Kind tagsüber nachmittags immer zutiefst erschöpft eingeschlafen. Sie hatte es schlafen lassen, weil sie selbst auch so unendlich müde war. Abends ging ihr Kind spät ins Bett, weil es noch nicht schlafen konnte. Logisch. Aber sie und ihr Kind konnten nachmittags beide einfach nicht mehr, weshalb sie diesen Teufelskreis auch nicht durch nachmittägliche Aktivität unterbrechen konnten.

Sie hatte ihrem Kind abends am Bett oft die Frage beantworten müssen, warum es nicht zurück konnte in die Krippe. Manchmal auch nachts. Morgens in der Kita war sie ein paar Mal von ihrem Kind vom Gehen abgehalten worden. Sie solle dableiben, es sei so allein in der Kita. Ihr Kind hatte jeden Morgen bei den Krippenerzieherinnen vor der Tür gestanden. Es wurde eingelassen und später wieder in den Elementarbereich gebracht. Beim Hinbringen und Abholen ihres Kindes hatte sie mehrmals lieblose Szenen mit den Erziehern beobachtet.

Nachts hatte ihr Kind die ganzen letzten Wochen mindestens einmal, aber auch oft zwei-, dreimal nach ihr gerufen, meist wegen Nichtigkeiten. Sie arbeitete wieder und war gerädert, da sie morgens auch noch sehr früh aufstehen musste. Diese nach langer Zeit wieder auftretenden regelmäßigen nächtlichen Aktivitäten ihres Kindes waren das störende Grundrauschen, sie waren ihr morgens oft gar nicht bewusst, aber sie hatten die Qualität ihres Schlafes massiv beeinträchtigt. Sie hatte das Gefühl, es gab gar keinen Grund für ihre Erschöpfung, aber natürlich, es war ein zutiefst verunsichertes und dadurch forderndes, unausgeglichenes, anstrengendes Kind, das sie nachts auf Trab hielt.

Am Wochenende oder wenn ihr Kind aus anderen Gründen einen Tag nicht in der Kita war, blühte es tagsüber regelrecht auf. Seine Schwierigkeit im Alltag wich wieder seiner Kontaktfreudigkeit, wenn sie Besuch hatten, und seiner großen Freude über Unternehmungen.

Letztens hatte sie einer Freundin am Telefon erzählt, dass sie jetzt eine neue Kita suche und sich wütend über die Situation ausgelassen. Auf einmal war ihr Kind zu ihr ans Sofa gekommen, hatte sie gestreichelt und gesagt „Mama, ich hab‘ Dich soo lieb.“ Oder auf ihre Frage an ihr Kind, ob es wisse, warum sie jetzt mal in Ruhe telefonieren müsse, kam „Die Mama sucht eine neue Kita für mich.“ Es klang erleichtert und dankbar. Jeden morgen, wenn sie in die Straße der Kita bogen, kam die Frage „Wieso fahren wir nicht in eine neue Kita, Mama?“

Wäre sie nicht vor der Schwangerschaft schon lange Jahre in ihrem Job gewesen, wäre der Jobwiedereinstieg durch diese Situation extrem gefährdet gewesen. Sie machte ihren Job gerade wie aus Gewohnheit, wie nebenbei, als ob ein Jobwiedereinstieg für eine Mutter nicht schon schwer genug wäre. Und natürlich machte sie ihn nicht nebenbei. Es war kräftezehrend, neben den aufgetretenen Problemen zuhause.

Und von der zuständigen Erzieherin kamen nur so lapidare Sätze wie „Ach, das wird schon. Das dauert immer einige Zeit.“ Und letzte Woche der Hammerschlag, der unangebrachte Therapievorschlag für ihr Kind, aus dem Nichts. Sie hatte sich immer noch nicht davon erholt, dass man wohl zu „Angriff ist die beste Verteidigung“ übergegangen war, weil man wusste, dass man Mist gebaut hatte.

Wusste sie, die Erzieherin, eigentlich, wie sehr ihre Ignoranz das Leben einer ganzen Familie negativ beeinflusst hatte? Vermutlich nicht. Sie würde es ihr sagen, in einem Gespräch, das anberaumt war. Und sie formulierte in ihrem Kopf schon das fristlose Kündigungsschreiben für die Kita, für den Fall, dass sie einen neuen Platz woanders bekam. Sie hatte so viele Argumente, sie würde nicht einmal einen Anwalt brauchen, wenn man doch noch Gebühren von ihr fordern würde. Sie war sich sicher.

Sie würde das störende Grundrauschen abstellen, bevor es weiter zu einem ohrenbetäubenden Lärm anschwoll.

Nachdem sie diese Zeilen geschrieben hatte, um sich zu beruhigen, guckte sie auf die Uhr. 3:39 Uhr. Mitten in der Nacht. Da waren sie wieder, ihre Schlafstörungen, von denen sie glaubte, sie hätte sie schon vor Monaten hinter sich gelassen.

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4 Gedanken zu “Störendes Grundrauschen

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