„Regretting Motherhood“ – Wieso dürfen Mütter eigentlich nicht sagen, was sie denken, ohne als Rabenmütter diffamiert zu werden?

Die Diskussion um „Regretting Motherhood“ gibt mir sehr zu denken. Ich erlebe immer wieder Frauen, die sich dazu zu Wort melden und sich sofort mit dem Vorwurf der „Rabenmutter“ konfrontiert sehen.

Deshalb beginnen alle ihre Ausführungen auch mit dem Satz „Ich liebe mein wunderbares Kind und würde es nie wieder hergeben“. Quasi wie eine juristische Absicherungsklausel. Damit man ihnen auf dem Weg aus dem Fernsehstudio heraus nicht gleich das Kind wegnimmt. Ich kann diese Frauen verstehen.

Und ich habe einen Verdacht. Den Verdacht, dass es Keinem, der diese Frauen angreift, eigentlich um die Kinder geht.

Man will die Botschaft dieser Frauen einfach nur nicht hören.

Sie lautet:

„Ich liebe mein Kind. Aber ich bereue es, unter diesen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen Mutter geworden zu sein.“

Was ist an diesem Satz so verwerflich? Darf man nicht in eine Diskussion über gesellschaftliche Rahmenbedingungen eintreten? Sonst sind wir doch auch immer so demokratisch. Nein, es gibt anscheinend Dinge, die darf man nicht sagen.

Aber warum nicht? Ich habe da noch so einen Verdacht.

Insbesondere Mütter befinden sich heute in einem Hamsterrad. das sich immer schneller dreht. Sie sollen den Nachwuchs großziehen und gleichzeitig ordentlich zum Steueraufkommen beitragen und sich, wenn möglich, auch noch um pflegebedürftige Verwandte kümmern, finanziell schlecht ausgestattete Kitas streichen und deren Gärten umgraben.

Die meisten Frauen haben nicht einmal die Möglichkeit, sich die Talkrunden über „Regretting Motherhood“ im Fernsehen anzuschauen. Da schlafen sie nämlich schon. Viele von ihnen liegen um 20 Uhr im Bett, damit sie morgens um 4:30 Uhr oder 5:00 Uhr wieder aufstehen können.

Und für diejenigen, die von der unerschöpflichen, billigen Arbeitskraft der Mütter profitieren, ist das auch gut so. Mütter werden so lange beschäftigt, bis sie nicht einmal mehr über ihre missliche Situation nachdenken, geschweige denn den Mund aufmachen können. Und tun sie es dann doch, dann können sie ihn gleich wieder zumachen. Denn sie sind ja Rabenmütter, sie lieben ihr Kind nicht. Sie denken undenkbare Dinge.

Ich frage mich: Wer liebt hier die Kinder nicht? Wirklich die Frauen, die nicht mehr länger zu den Zuständen schweigen? Oder eher die Gesellschaft? Die sich alles zurechtbiegt, wie es ihr gerade passt und dabei die Frauen zwischen Begriffen wie „Karrierefrau“, „Helikopter-Mutter“, „Glucke“ und „Heimchen am Herd“ langsam zerquetscht.

Egal, was eine Frau macht. Es ist falsch. Alle Frauen müssen funktionieren und immer weiter machen. Aber nicht für ihr eigenes Seelenheil oder das ihrer Familie, sondern für die Gesellschaft. Seit ich ein Kind habe, fühle ich mich wie ein Eigentum der Gesellschaft, der ich zu Diensten sein muss, bis ich umfalle. Jetzt könnte man mir sagen: Zieh‘ Dir den Schuh doch nicht an. Tue ich aber. Ich bin nun einmal Mitglied dieser Gesellschaft und kann nicht den ganzen Tag mit Ohrenschützern herumlaufen.

Ja, ich bereue zutiefst.

Nicht dass ich so ein wunderbares Kind bekommen habe und es aufwachsen sehen darf. (Dieser Satz kommt von Herzen …  muss aber leider auch immer an dieser Stelle stehen ;-)).

Ich bereue es, in dieser Gesellschaft ein Kind bekommen zu haben. In dieser gehetzten, total überdrehten, maßlosen Gesellschaft. In der Anspruch und Wirklichkeit so dramatisch weit auseinanderklaffen.

Ich habe es immer geahnt, wenn ich Frauen traf, die kleine Kinder hatten. Die meisten von ihnen waren das Gegenteil von blühendem Leben. Abgekämpft, sich aufreibend, von hier nach dort hetzend. Dabei lächelten sie immer ihr typisches Lächeln und sagten Sätze wie „Aber das alles ist Nichts gegen das Glück, ein wunderbares Kind zu haben.“

Diese Sätze schienen mir schon damals oft nicht echt. Aber sie haben meinen Eindruck von der Mutterrolle in der Gesellschaft geprägt. Als dann mein Kind kam, habe ich den Schock meines Lebens bekommen. Ich war zutiefst  verwirrt darüber, was die Gesellschaft mir suggeriert und anschließend präsentiert hat. Sie hatte mich quasi in eine Falle gelockt.

Sie verlangt nahezu jeden Tag das Unmögliche von mir und ich strampele mich ab, um es ihr zu geben. Und während ich mich so abstrampele und immer müder und abgekämpfter werde, bekommt mein Kind immer weniger von mir ab.

Wenn ich dann nicht mehr arbeiten möchte, damit mein Kind wieder mehr Zuwendung bekommt, gefällt das der Gesellschaft jedoch gar nicht. Denn ich soll arbeiten und eine perfekte, wunderbare, Tausend Prozent organisierte Mutter sein. Den Fachkräftemangel ausgleichen und Steuereinnahmen bringen. Schwächen nicht erlaubt.

Die Gesellschaft möchte mich nicht als „Nur-Arbeitnehmerin“, nicht als „Nur-Mutter“, nein, sie will unbedingt beides von mir.

Ich bin sogar bereit, das zu geben, weil ich mein Kind liebe und auch gern arbeite.

Aber die Rahmenbedingungen lassen einen immer wieder aufs Neue verzweifeln.

Eine Mutter soll so lange wie möglich stillen, das Kind niemals schreien lassen und am Besten gleichzeitig wieder Vollzeit arbeiten. Das ist ein Ding der Unmöglichkeit.

Wo sind die Zwei-, Drei-Tage-Jobs pro Woche? Wo sind die geeigneten Teilzeitstellen? Gähnende Leere.

Wieso müssen Eltern an freien Tagen, die sie de facto nicht einmal haben, Kita-Spielplätze fegen und Kita-Essen kochen?

Wieso müssen Eltern sich mit unsinnigen Therapievorschlägen von Erziehern herumschlagen, die diese nur machen, um von ihren eigenen Defiziten und eventuell auch schlechten Rahmenbedingungen ihrer eigenen Tätigkeit abzulenken.

Wieso werden Eltern wie unter einer Lupe seziert?

Wieso werden so viele Ehen in den ersten zwei Jahren nach der Geburt eines Kindes geschieden?

Wieso stehen Frauen mit kleinen Kindern nach dem Scheidungsrecht wie die Dummen da?

Frauen, informiert Euch, bevor Ihr ein Kind bekommt. Der Preis ist hoch. Denn, wenn Ihr es erst einmal habt, Euer Kind, dann wollt Ihr es nie wieder hergeben und es ist Euer größter Wunsch, dass es ihm gut geht, und deshalb sitzt Ihr in der Falle.

Ihr könnt Eure Situation nicht verändern und müsst schweigen, weil ihr sonst als „Rabenmutter“ abgestempelt werdet und nicht wisst, ob das negative Konsequenzen für Euer geliebtes Kind haben könnte.

Nachtrag: Die Gesellschaft sind auch wir, die Mütter. Wir können also selbst mit der Veränderung anfangen, indem wir ehrlich zueinander sind und uns gegenseitig nicht noch zusätzlich unter Druck setzen.

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3 Gedanken zu “„Regretting Motherhood“ – Wieso dürfen Mütter eigentlich nicht sagen, was sie denken, ohne als Rabenmütter diffamiert zu werden?

    1. Vielen lieben Dank, Simmis Mama. Ich habe länger darüber nachgedacht, ob ich so etwas überhaupt schreiben kann. Aber, darf man nicht mal über Missstände berichten? Wieso haben alle Mütter einen Maulkorb? Ich drücke uns die Daumen, dass sich für uns Mütter noch etwas ändert … 🙂 Und, Simmis Mama, viele Dinge, die Ihr tragischerweise erleben musstet, haben auch etwas mit dieser Überdrehung in unserer Gesellschaft zu tun. Wenn schon „ganz normale Mütter“ die Anforderungen der Gesellschaft kaum erfüllen können und daran fast zugrunde gehen. Wie soll es dann denjenigen ergehen, die unter besondere Beobachtung durch diese Gesellschaft gestellt werden?

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