Momentaufnahme

Sie hatte ihren arbeitsfreien Morgen damit verbracht, mit ihrem Kind zusammen diverse Erledigungen abzuhaken. Das klingt so leichtfüßig, war es aber nicht.

Neuerdings hatte ihr Kind den unbändigen Drang, beim Einkaufen verschiedenste Artikel aus den Regalen zu ziehen und zum Kauf vorzuschlagen. So dass sie sich alle fünf Meter in der Rolle der Ermahnenden gefunden hatte und das war erschöpfend. Ihr Kind hatte wieder behauptet, es passe noch in den Sitz des Einkaufswagens und sich nicht belehren lassen, bis es ein paar Minuten später weinend feststellte, dass der zu eng sei. Recht hatte es. Hoffentlich hatte es diesen Umstand nun gespeichert.

Zuhause war sie bei der Ankunft fast über die sechs Kissen im Flur gestolpert, zwischen denen sich Plastiktellerchen und Plastik-Weintrauben, -Tomaten und -Gurken tummelten.

Sie hatte neben dem Auspacken der Taschen ein Mittagessen gekocht, welches, wie so oft, verschmäht und durch einen Becher Joghurt und Reis ohne Soße ersetzt wurde.

Dann hatte sie sich mit ihrem Kind zum Schlafen hingelegt, todmüde, nach dieser Arbeitswoche gewürzt mit vielen Aufregungen drum herum. Mitten in dem dreistündigen komatösen Schlaf war der Ruf gekommen „Mama, Pipi jemascht!“. Aha, das Bett vom Papa samt Matratze komplett durchnässt. Sie war so müde, dass sie ein saugfähiges Handtuch draufwarf, das Kind umbettete und beide weiterschliefen.

Jetzt nachdem beide aufgewacht waren, hielten sie sich im Wohnzimmer auf, wo ihr Kind gerade beschloss, in die Hose zu machen (ohne Windel versteht sich) und es prompt in die Tat umsetzte.

Kurz darauf kam eine Nachricht von einer Bekannten: „Habe an Dich gedacht. Genießt Du Deinen freien Freitag?“ und sie dachte: „Freier Freitag? So etwas gibt es bei mir nicht.“

Und es kam ihr ein Gedanke. Könnte es vielleicht angenehmer sein, Vollzeit zu arbeiten?

Eine sehr intelligente Frau, die Vollzeit arbeitete, hatte einmal zu ihr gesagt, dass man als Teilzeitmutter die „ungünstigste Karte“ (Ihr wisst schon was ich meine ;-)) gezogen hatte.

Und diese Frau hatte Recht. Als Teilzeitmutter holte man um 14 Uhr ein quietschfideles Kind aus der Kita, mit dem man am Morgen in der Kita aus Personalmangel noch nicht viel gemacht und das die Erzieher zu einem langen Mittagschlaf hingelegt hatten. Die Mutter jedoch, die seit 6 Uhr auf den Beinen war, konnte kaum aus den Augen gucken und musste nun den Rest des Tages mit der überschüssigen Energie ihres Kindes umgehen.

War es da nicht viel einfacher, sein Kind um 18 Uhr aus der Kita zu holen und ihm nur noch Abendessen zu machen? Die Wohnung konnte es dann auch nicht mehr verwüsten.

Grotesk, dachte sie. Man ist so überlastet, dass man am Ende darüber nachdenkt, sein Kind so weit wie möglich outzusourcen. Das kann nicht der Sinn der Sache sein.

 

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4 Gedanken zu “Momentaufnahme

  1. Ausruhen können sich nur die Mütter, welche gar nicht oder nur wenige Stunden die Woche arbeiten, die Kinder bis nachmittags betreuen lassen und ne Putzfrauen haben. Ja, ich kenne so jemanden und ich bin es nicht. Schön ist es, wenn uns überlasteten Mütter mal der Mann oder jemand anders kurz die Kinder abnimmt – zum in ruhe putzen oder so.

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