Der Schein trügt … wie so oft

Wenn man mich ansieht, dann könnte man denken: Jetzt hat sie es geschafft.

Sie geht pünktlich und gepflegt zur Arbeit. Ihr Chef ist sehr zufrieden. Sie kümmert sich liebevoll um ihr Kind. Leiht wieder regelmäßig Stapel von Büchern für ihr Kind in der Bibliothek aus, malt mit ihm, bastelt mal mit ihm, backt mit ihm Kuchen. Sie hat den Dreh raus. Sie weiß nun, wie das  Arbeiten mit Kind geht.

Wenn man mich besser kennen würde, würde man bemerken, dass ich noch nie in meinem Leben so viel gewogen habe wie jetzt. Das können auch die Businessklamotten nicht kaschieren. Man würde bei näherem Betrachten erkennen, dass meine Augen todmüde sind.

Aber auch die, die mich besser kennen, können eine Sache nicht sehen: Es ist eine permanente Gratwanderung, mit Kind zu arbeiten.

Ich habe das Jammern ein wenig eingestellt. Es nutzt sich ja ab. Ach die, die erzählt immer nur die gleichen Sachen! Aber, diese Sachen sind immer noch wahr. Und nur, weil ich jetzt auch noch arbeite, geht es mir nach vier Jahren ohne Erholung nicht besser.

Es ist eine permanente Gratwanderung, mit kleinem Kind zu arbeiten.

Auch, wenn man beides gerne hat und keines davon missen möchte. Aber ich kann doch auch nicht zur gleichen Zeit ein Flugzeug fliegen und tauchen. Oder die Jobs Nachtwächter und Bäcker und Busfahrer gleichzeitig ausüben. Ich kann auch nicht gleichzeitig auf einem Pferd reiten und Fahrrad fahren. Mein Tag hat 24 Stunden und 16 bis 18 Stunden davon bin ich im Dauereinsatz. Vielleicht mit zwei Stunden Pause, wenn mein Kind dann schläft. Wenn ich ausfallen würde, dann müsste man mehrere Personen engagieren, um das Loch zu stopfen. Das sagt doch schon alles. Vom einen auf den anderen Tag müsste man einen Babysitter, eine Haushaltshilfe, eine Person organisieren, die das Kind zur Kita bringt und wieder abholt und man müsste jemand neuen für meinen Arbeitsplatz einstellen. Wieso bin ich mindestens drei Menschen und mein Mann ein Mensch. Nun gut, wenn er mir hilft, ist er auch 1 1/2 Menschen, das will ich ihm zugestehen. Er tut sein Bestes und ich weiß es zu würdigen. Aber wieso muss ich mindestens drei Menschen sein? Vielleicht bin ich nur einer und kann mich nicht klonen? Wieso muss ich heute als Frau begründen, wenn ich nur ein Mensch sein kann oder maximal zwei (Mutter und Hausfrau)? Wieso reiche ich nicht?

Wieder aufhören zu arbeiten? Auch keine gute Vorstellung. Die Arbeit gibt mir ein Stück  altes Leben zurück, zumindest das Gefühl, wie es damals war, als ich noch nicht von allen Seiten reglementiert wurde. Ich kann abschalten von diesem Leben einer Mutter, in das so Viele sich einmischen und in dem man für alles, was mit dem eigenen Kind auch nur im Entferntesten zu tun hat (auch die Auswirkungen von Personalmangel in der Kita auf das eigene Kind) als Mutter verantwortlich gemacht wird. Dieses Mutterleben ist in der Hinsicht nicht wirklich schön, es ist zum Davonlaufen. Nur, wenn man wirklich Zeit mit seinem Kind und seiner Familie hat, weiß man, was für ein Geschenk es ist, ein Kind zu haben. Wenn man es erlebt, sich seinem Rhythmus anpasst und ihm nicht den Eigenen aufzwingen muss. Wenn das Kind mit aller Macht an die Bedürfnisse der Gesellschaft angepasst werden soll und nicht nach seinen Bedürfnissen aufwachsen darf, dann ist das für mich schwer mit anzusehen.

Woran habe ich gemerkt, dass der Schein trügt? Gestern ist meinem immer sehr geschickten Kind später am Abend versehentlich noch ein Becher umgefallen. Meine Hose war pitschnass. Keine große Sache. Überhaupt nicht. Eine Banalität. Normalerweise nicht der Rede wert.

Aber meine Reaktion hat mir gezeigt, dass ich gerade wieder arbeite und Mutter und Hausfrau, alles gleichzeitig, bin und dass sich meine Erschöpfung und Wut nur ein Ventil gesucht hat.

Ich habe richtig geschimpft und mein Kind hat es überhaupt nicht verstanden. Hat seine Mutter doch eigentlich Verständnis für solcherlei Dinge, ist sie doch auch nicht besonders geschickt.

Anschließend habe ich mich bei meinem Kind  entschuldigt.

Es gibt nur eine Erklärung: Ich bin urlaubsreif und zwar schon lange. Die einzigen zwei Tage Erholung am Stück in den letzten vier Jahren sind schon ein paar Monate her.

Ich habe sogar das Gefühl, eine Mutter-Kind-Kur wäre noch zu stressig für mich.

Der Kita-Wechsel, so gut er war, ist an meine Reserven gegangen. Ich wusste es und konnte doch nicht anders handeln.

Ich möchte mein Leben anhalten und für ein paar Wochen aussteigen. Die Zeit anhalten und so, dass keiner mein Fehlen bemerkt und es nirgendwo für Not am Mann sorgt, fünf Wochen für mich haben. Meine Batterien aufladen. Das ist nicht möglich. Ich weiß es.

Verstehen würde es auch keiner, denn ich war ja schon drei Jahre zuhause. Ich bin doch schon eine von den „faulen Müttern“.

Ich muss meine Mutter um Hilfe bitten. Mein Mann kann auch nicht mehr. Ich brauche ein Wochenende für mich. Ich bin mir sicher, auch nur eine kleine Auszeit kann schon ein kleines Wunder bewirken und mich eine Weile weiter durch den Alltag tragen, der kein Alltag ist, sondern eine permanente Gratwanderung.

 

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12 Gedanken zu “Der Schein trügt … wie so oft

  1. eben, mach mal ne Pause…..sicherlich ist es sehr anstrengend, aber es wird besser…Deine Tochter wird selbständiger!! Ein romantisches WE wäre eine tolle Idee, tut der Ehe gut….und Oma/Opa finden sowas auch immer richtig klasse!!!

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  2. Mensch, das tut mir leid. Wenn Dein Kind größer wird, wird es anders…..dann ist es zwar in manchem Dingen selbständiger, und Du hast wieder mehr Zeit für Dich…..aber wenn ich ehrlich bin, ich kenne in meinem Bekanntenkreis kaum jemanden, der nicht Ärger in /mit der Schule hat. Da nutzt einem das bisschen mehr an Zeit irgendwie auch nichts, weil man sich in der freien Zeit dann eh meistens nur Sorgen macht. Sorry, dass ich da so ehrlich bin. Aber früher hiess es immer „ach wart mal ab, wenn die Kleine größer ist, dann legt sich das alles“….ich empfinde es nicht so….es ist anders belastend……nicht mehr körperlich vielleicht, aber dafür tauchen richtige Probleme auf. Meistens eben im Schulbereich. Ich finde es übrigens super, dass Du Dich entschuldigt hast. Ich mache das auch immer, weil ich es wirklich wichtig finde.

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