Zeit-Online-Artikel vom 28.7.2016: „Hätten wir mal lieber nicht“

Hier der Link:

http://www.zeit.de/2016/32/regretting-motherhood-kinder-kriegen-deutschland

 

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Zeit-Online-Artikel vom 28.7.2016 – „Nur Mut!“ – Wie neue Arbeitsstrukturen Familien entlasten könnten

Hier der Link:

http://www.zeit.de/zeit-spezial/2016/02/gleichberechtigung-arbeitszeit-strukturen-vielfalt/komplettansicht

Zwei interessante Auszüge aus dem Artikel:

„Deutlicher als der Rechtswissenschaftler Ulrich Mückenberger, Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Zeitpolitik, kann man es nicht sagen: „Menschliches Überleben ist nur zu verwirklichen, wenn Erwerbsarbeit und Elternschaft vereinbar werden.““

„Voraussetzung für jede Veränderung ist allerdings, die unsichtbare Arbeit aus der Gedöns-Schublade rauszuholen und sie endlich als das anzuerkennen, was sie ist: existenziell für jeden Einzelnen und für den Zusammenhalt unserer Gesellschaft.“

Nimmst Du mich mit?

Danke, mein kleiner Schatz.

Wenn Du nicht wärest, wäre ich jetzt nicht so wie ich bin.

Du hast mich verändert.

So sehr, dass ich mich manchmal gar nicht wiedererkenne. Aber, wenn ich ehrlich bin, gefällt mir gar nicht so schlecht, was ich sehe.

Du bist der Grund, nein natürlich nicht Du, die Umstände und Begleiterscheinungen des Kinderhabens an sich sind es, weshalb ich die letzten Jahre mit meinem Schicksal gehadert habe und es auch jetzt immer mal wieder tue.

Aber: Wärest Du nicht in meine Welt getreten, hätte ich mich niemals so verändern können.

Manchmal braucht es schwere Zeiten und Krisen, um überhaupt einen anderen Weg einschlagen zu können.

Um das Undenkbare zu denken.

Um sich neu zu definieren.

Um neue Grenzen zu ziehen und neue Türen zu öffnen.

Die Strukturen der eigenen Ursprungsfamilie zu hinterfragen.

Ich bin noch lange nicht am Ende dieses Prozesses, aber ich weiß, dass Deine Existenz mich dahingebracht hat, alte Korsetts aufzubrechen, die mir schon längst die Luft abschnürten.

Am Besten, ich begleite Dich auf Deinem Weg des Sehens, Wunderns, Lernens, der Unvoreingenommenheit, der Freiheit und vor allem des Liebens.

Nimmst Du mich mit?

 

 

 

Schwämmchen

Mein Kind kommt mir vor wie ein kleiner, sehr saugfähiger Schwamm.

Sobald wir etwas unternommen, neue Dinge gesehen, netten Besuch gehabt haben, macht es wieder einen kleinen Entwicklungsschritt.

Heute haben wir Gäste zum Flughafen begleitet.

Nun krakelt mein Kind gerade viele Zettel voll und klebt sie mit Tesafilm auf jede Tür.

Bei uns ist nun überall abgesperrt … und ich habe mich daran zu halten, wie mir mein Kind erklärt.

Ach so …

Und während es weitere Blätter bekritzelt stöhnt es „Ich habe ja so unendlich viel zu tun!“. Von wem es das wohl hat …

P.S.: An alle Mütter kleinerer Kinder: Ab ca. drei Jahren wird es manchmal richtig lustig.

„Organisation ist alles“

Nach meiner Erfahrung kann ein Kind die perfekteste Organisation sprengen. Und wie es das kann, das kann sich ein Kinderloser/eine Kinderlose nicht in seinen/ihren verrücktesten Träumen ausmalen.

Meine Erfahrung der letzten Jahre ist aber trotzdem Folgende: Je besser organisiert, desto besser die Umgangsmöglichkeiten mit der Unberechenbarkeit Deines Kindes, der Unberechenbarkeit Deines Alltags mit Kind und der Unberechenbarkeit Deiner eigenen geistigen (Un-)Fähigkeiten seit Du Mutter bist.

Deshalb möchte ich die Dinge, die sich für mich nicht nur zuhause, sondern sogar nun auch im Job als sehr hilfreich herausstellen, hier einmal aufführen.

  1. Man sollte sich kennen. Es nützt nichts, krampfhaft die weiter andauernde Stilldemenz oder generell die Folgen jahrelangen Schlafmangels zu ignorieren. Man sollte sich den Fakten stellen und das heißt bei mir: Mein Gehirn funktioniert nicht mehr so gut. Erst hat mich mein Chef irritiert angeguckt, als ich jeden Arbeitsauftrag – aber wirklich jeden noch so Kleinen – notierte, seit ich aus der Elternzeit zurück bin. Jetzt schätzt er offensichtlich, dass ich so selten etwas vergesse. Auch andere Kollegen, die mich bei meinem kleinschrittigen, schreiblastigen Vorgehen erst ein wenig belächelten haben ihre eigenen Erfahrungen, z.B. mit Digitaler Demenz, so dass man sich heute problemlos als „vergesslich“ outen kann ohne komplett inkompetent dazustehen.
  2. Mittlerweile notiere ich jeden Mangel, den ich in den mich umgebenden Räumlichkeiten (sei es zuhause oder im Büro) feststelle, sofort. Wenn ich die neue Spültabs-Packung öffne, kommt gleich die Notiz für den Nachkauf auf den Einkaufszettel an den Kühlschrank. So verfahre ich auch mit zu beschaffenden Ordnern, Klarsichthüllen, Kaffeefiltern etc. im Büro.
  3. Ich setze Prioritäten. Wie bei meinem Kind. Was ist wichtiger? Den Haarreifen fürs Einhorn hinter dem Sofa zu suchen oder die dringend benötigte Hose für morgen zu waschen? Was ist wichtiger: Den Pfannkuchen nicht anbrennen zu lassen oder den mir gerade verpassten Elefanten-Sticker vom Unterschenkel zu kratzen? Was ist wichtiger? Dass mein Kind Pipi muss und ins Gebüsch will, wo so gut wie kein Gebüsch zu finden ist, oder wie die Leute gucken?  Diese „Was ist wichtiger-Frage“ hilft auch ungemein im Büro. Am Wichtigsten ist immer, was unmittelbar vom direkten Vorgesetzten kommt, es sei denn, es ist anderweitig wirkliche Gefahr im Verzug.
  4. Ich habe den Kinderstundenplan für die Schule für mich wiederentdeckt. Mein Mann findet mich am Wochenende spätestens Sonntags über dieses kleine Ding gebeugt in der Küche vor. Es ist ein abwischbarer Stundenplan und ich visualisiere mir so die kommende Woche. Da schreibe ich dann alles aus meinem Kalender noch einmal drauf. Und weil ich ein Kontrollfreak sein kann, ist es damit nicht genug. Wenn ich das getan habe, mache ich zu jedem Wochentag einen Klebezettel und klebe ihn von innen an die Wohnungstür. Dort steht dann, was an dem Tag wichtig ist, wie z.B. „Spielzeugtag in der Kita“, „5 Euro fürs Büro für das Jubiläum eines Kollegen“, „Zur Reinigung“ oder wer an dem Tag zu Besuch kommt. Diesen Klebezettel nehme ich dann morgens mit. Außerdem hängt in der Küche an einem Stuhl eine Tasche, in die ich eventuell benötigte Utensilien für den Tag packe, z.B. Sportzeug für mein Kind für die Kita. Dieses Stundenplan- und Zettelsystem nebst Tasche hilft mir sehr und ich habe dadurch sehr selten etwas vergessen.
  5. Das Wichtigste, was ich für meine Organisation in den letzten Jahren mit Kind gelernt habe: Es bringt nichts, Dinge immer aufzuschieben. Es macht glücklich, nicht immerzu in „Habe ich Lust drauf oder nicht?“ zu selektieren. Diese Habe-ich-keine Lust-drauf-Dinge fallen einem oft auf die Füße. Es tut gut, halbwegs up to date zu sein. Wieso das Kinderhaben die „Aufschieberitis“ kurieren kann? Ich kann es Euch sagen. Wenn man ein Kind hat, hat man für so gut wie nichts Zeit. Wenn man dann mal Zeit hat, ist man so unendlich glücklich darüber, dass man in Ruhe z.B. das Auto staubsaugen, die Wanne schrubben oder die Akten sortieren kann, dass man es dann auch wirklich macht. Nur weil man nicht weiß, ob man sonst vor 2020 noch einmal dazu kommt. Das heißt aber nicht, dass man nicht auch Pläne umschmeißen kann. Ich tue das regelmäßig. Dann denke ich: „Muss ich heute zur Reinigung?“ Es ist heiß und ich bin so müde. Nein. Ich mache es einen anderen Tag. Das sehe ich dann nicht als Niederlage, sondern als rationale, für mich wichtige Entscheidung an und schiebe die Aufgabe ein, zwei Tage weiter.
  6. Immer Zeit einplanen, mehr Zeit als ein normaler Mensch brauchen würde. Das hilft auch im Büro, denn auch dort kommen manchmal unvorhergesehene Dinge dazwischen. Es hat mir noch nie geschadet, am Tag vor dem Besuch des Kinderarztes ausreichend Zeit einzuplanen und mir alles vorher zurecht zu legen.
  7. Der vollgepackte Rucksack, über den sich manche meiner Mitmenschen manchmal lustig machen, ist Gold wert (solange er den Rücken nicht ruiniert ;-)). Ich kann Dinge daraus hervorzaubern, die fast jede unvorhergesehene Situation mit Kind entschärfen können. Und mir hat das, gerade in den ersten zwei Jahren mit Kind viel Sicherheit gegeben. Viel relaxter ist es natürlich, wenn man nur mit seinem Kind mit so gut wie keinem Gepäck unterwegs ist. Aber ich habe auch niemals behauptet, ich wäre relaxed.

Was sind Eure kleinen Organisationstipps? Worauf schwört Ihr? Was hat Euch seit der Geburt dabei geholfen, den Überblick zu bewahren? Schreibt es in die Kommentare. Ich kann sicher viel von Euch lernen.

 

 

Schrecksekunden

Während ich in der Küche Geschirr abwasche, spielt mein dreieinhalbjähriges Kind im Wohnzimmer.

Auf einmal höre ich es. Es ruft mich nicht, aber es gibt komische Laute von sich und ich weiß: Es ist irgendwie in Not.

Als ich ins Wohnzimmer komme, sitzt dort mein Kind auf dem Sofa und hat einen großen quadratischen Legostein in seinem Mund, der sich offensichtlich in seinem Kiefer verkeilt hat. Es kann atmen, aber es sieht aus als ob es eine Maulsperre hat.

Ich denke nur „Oh mein Gott, was mache ich jetzt?“ Mir ist sofort klar, dass mein Kind vor lauter Angst verkrampft. Ich habe große Sorge, dass es deshalb seinen Mund nicht weiter öffnen kann.

Ich habe Angst, dass ich ihm nicht helfen kann. Deshalb nehme ich es in den Arm und sage, dass wir Zwei das jetzt hinkriegen und, während ich es im Arm habe, nehme ich den festgeklemmten Stein zwischen Daumen und Zeigefinger, hebe vorsichtig den Oberkiefer an und – ein Glück – der Legostein lässt sich aus dem Mund entfernen.

Mir und meinem Kind fällt ein Stein vom Herzen. Wir umarmen uns. Und vielleicht war es ja gar nicht so schlimm wie es aussah. Trotzdem hatte ich große Angst, ihm nicht helfen zu können.

In dieser Situation hat sich wieder etwas bewährt, was immer irgendwie hilft: Zuversicht ausstrahlen, auch wenn man selbst nicht daran glaubt.

Natürlich hätte ich sofort Hilfe gerufen, wenn mein kleiner Versuch zu nichts geführt hätte, aber wir hatten nochmal Glück.

Und mein Kind, von dem ich glaubte, es würde schon seit einem Jahr nicht mehr wahllos irgendwelche Dinge in den Mund nehmen, hat mich mal wieder überrascht. Aber auf diese Überraschung hätte ich gern verzichtet.

 

Kleine Fenster in eine andere Welt

Früher bin ich achtlos an ihnen vorbeigegangen. Sie waren bunt umrahmt, manchmal schrill dekoriert, sie klebten an PC-Bildschirmen, am Telefon, hingen an der Fensterbank oder einfach an der Wand …

Ich dachte „Ach, das ist das Kind von X“ … als Kinderlose … und damit war das Thema für mich durch. Keinen zweiten Blick wert.

Heute nehme ich meine Kollegen mit Kindern anders wahr. Ich betrachte die Kinderbilder ausführlicher und ich ertappe mich dabei, wie ich die Kollegen nun anders bewerte. Habe ich früher als Überstundenschiebender Single gedacht, dass sich Y oder Z mal ein bißchen mehr anstrengen könnte, sehe ich heute oft den Grund, weshalb diese Person vielleicht nicht immer mit Leib und Seele bei der Arbeit war. Diese Gründe sind heute oft schon 12 oder 15 Jahre alt. Und ich habe großen Respekt. Ich betrachte die jungen Menschen auf den Bildern und es ist mir sympathisch, was diese Eltern um mich herum schon geschafft und geschaffen haben.

Diese Bilder sind kleine Fenster in eine andere Welt. Sie zeigen mir nun, dass da jemand ist, der vielleicht gestern einen Teenie bei Liebeskummer oder wegen Mobbings trösten musste, für sein Grundschulkind noch spät abends den Koffer für die Klassenreise packen oder sein Kleinkind nachts mehrmals wieder ins Bett bringen musste.

Es haben sich mir andere Dimensionen eröffnet. Schöne Dimensionen. Dimensionen der Fürsorge und der Liebe.