Super Mums – ein kritisches Plädoyer an uns selbst

Back mit Liebe ( https://backmitliebe.com/ ) hat mir freundlicherweise gestattet, auch noch diesen Beitrag zu rebloggen:

Ich bin PR-Frau mit beruflichen Ambitionen aus Leidenschaft: Check!
Ich bin Ehefrau aus Leidenschaft: Check!
Ich bin Mutter zweier Söhne aus Leidenschaft: Check!

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Damit das geht, funktioniert unser Leben wie ein Uhrwerk. In unserer Küche hängt ein Wochenplan: ein Vater, eine Mutter, zwei Kinder. Darin eingetragen: Wichtige Geschäftstermine. Dienstreisen. Klassenarbeiten. Therapiestunden. Fußballspiele, Treffen mit Freunden, Arzttermine, Urlaube, Verabredungen, Geburtstage. Damit es nicht unübersichtlich wird, bekommt jedes Familienmitglied eine eigene Spalte im Plan. Da wird reingekritzelt, ausradiert, durchgestrichen, Fragezeichen und Ausrufezeichen gesetzt, posted notes angeklebt, Aufgaben zugewiesen. Reichen tut der Platz trotzdem nicht. Und weil das Woche für Woche zur völligen Unübersichtlichkeit ausartet, machen wenigstens wir Mütter immer gute Laune, um allen zu versichern: Wir haben das im Griff! Wir sind ja die Super Mums!

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Was ist eigentlich natürlich und gesund?

Der Arbeits- und Alltagsrhythmus, in den wir heute schon einjährige Kinder hineinpressen oder der Rhythmus, den die Kinder von Natur aus mitbringen und den wir ihnen so schnell wie möglich aberziehen wollen:

Ruhe, Muße und genaues Wahrnehmen aller alltäglichen Verrichtungen und Begegnungen.

Das im Hier und Jetzt sein mit allen Sinnen und der ganzen ungeteilten Aufmerksamkeit.

Zeit, die offiziell nicht existiert

Ich habe das Gefühl, es gibt Zeit, die nirgendwo wirklich berücksichtigt wird:

Zeit, die es braucht, um ein Kind morgens anzuziehen

Zeit, die es braucht, um Wäsche zu waschen

Zeit, die es braucht, um verschüttete Speisen und Getränke aufzuwischen

Zeit, die es braucht, um ein Kind zur Kita zu bringen

Zeit, die es braucht, um ein Baby nachts zu versorgen

Zeit, die es braucht, um ein Kind bei Albträumen zu beruhigen

Zeit, die es braucht, um Unmengen von Spielzeug vom Boden aufzusammeln

Zeit, die es braucht, um beim Kinderarzt zu sitzen

Zeit, die es braucht, um Kita-Termine wahrzunehmen

Zeit, die es braucht, um Kinderkleidung aus- und einzusortieren und zu besorgen

etc. etc.

Diese Zeit einer Mutter wird ignoriert.

Ich will diese Zeit nicht mehr ignorieren.

Es ist keine Null-Zeit, in der ich nichts mache, auch wenn sie gesellschaftlich so behandelt wird.

Wenn man eine Mutter fragt, was sie heute gemacht hat, was antwortet sie dann?

Wenn sie mit ihrem Kind beim Ballett war, wird sie zufrieden sagen: „Ich war mit X beim Ballett“.

Wenn sie nichts aus ihrer – bzw. der gesellschaftlichen – Sicht Vorzeigbares gemacht hat, wird sie kleinlaut sagen: „Nichts“, obwohl sie nach der Arbeit drei Maschinen Wäsche gewaschen, dann gestaubsaugt und mit ihrem Kind sein Zimmer aufgeräumt und mit ihm Bücher gelesen hat oder so ähnlich.

Genau dieses Verhalten unsererseits, nämlich die angeblich nicht vorzeigbaren Tätigkeiten zu verschweigen, sorgt dafür, dass es Zeit gibt, die offiziell nicht existiert.

Für mich existiert sie ab heute offiziell. Es ist meine Zeit, die vorübergeht und die niemand anerkennt.

Ich habe heute unseren letzten Kinderkurs gecancelt. Ich brauche mehr Zeit für mich und für mein Kind. Für uns als Familie. Zum Entspannen vom stressigen Alltag.

Woran merkt man, dass man als Mutter in Bezug auf die Belastungen wirklich etwas ändern muss?

Wenn man den Vorgesetzten seines Vorgesetzten nicht mehr erkennt. OK, man sieht ihn nur selten im Jahr, da er an einem anderen Standort arbeitet, aber man kennt ihn eigentlich.

Auf seine freundliche Begrüßung hin habe ich ihm die Hand gegeben und krampfhaft nachgedacht, wer das wohl ist. Ich möchte nicht wissen, wie mein Gesichtsausdruck aussah.

Ich bin erst drei Minuten später drauf gekommen und war mir da immer noch nicht ganz sicher.

Das ist für mich langsam höchste Alarmstufe.

NEIN!

Nein, ich komme nicht zum Gartenverschönerungstag.

Nein, ich komme nicht zur Kita-Renovierung.

Nein, ich komme nicht zum Laternelaufen.

Nein, ich komme nicht zum Adventsbasteln.

Nein, ich komme nicht zum Elternabend.

Nein, ich mache keine Kindergeburtstagsmottoparty.

Nein Danke, Du brauchst mir nicht immer DVDs und Bücher in die Hand zu drücken. Ich komme nicht dazu, sie zu gucken und zu lesen.

Nein, ich möchte kein kreatives Geschenk für Event XY machen. Ich kaufe einfach ein ganz unkreatives Geschenk.

Nein, es ist NICHT leicht eine Teilzeit arbeitende Mutter zu sein. Man ist weder Fisch noch Fleisch. Bei der Arbeit denkt man: „Die hat aber ein leichtes Leben“ und zeigt es auch öfter mal. Und im persönlichen Umfeld denkt man: „Die könnte nachmittags aber noch mehr mit ihrem Kind machen, arbeitet doch nur Teilzeit.“

Nein, ich trage an der Hochzeit kein Gedicht vor.

Nein, ich backe keinen Kuchen. Ich kaufe einen.

Nein, solange unser Leben so ist wie jetzt werde ich keine Fotoalben machen, sondern lieber reale Zeit mit meinem Kind verbringen.

Nein, ich begleite Dich nicht zur Demo.

Nein, Du kannst nicht bei uns übernachten.

Nein, es ist nicht so toll, wie Du denkst, dass ich mein eigenes Geld verdiene, weil ich sehe, dass ein Großteil in die Abmilderung der negativen Folgen dieser Vielfachbelastung investiert werden muss.

Nein, ich besuche keinen Kinderkurs.

Nein, ich komme nicht zu Tante Claras Geburtstag.

Nein, ich komme nicht abends um 20 Uhr zu der Charity-Veranstaltung.

Nein, ich fahre jetzt nicht los und besorge ein anderes Geschenk, nur weil jemand Anderes meint, das müsste ich tun.

Nein, ich habe kein Faceb.., kein Insta…, kein Whats… und ich weiß auch GANZ genau warum.

Nein, ich lasse mich nicht von Kollege XY anmachen, nur weil er schlechte Laune hat und meint, mein Leben als Teilzeit-Mutter sei viel leichter als Seines.

Nein, ich gehe nicht ständig zum Kinderarzt, nur weil irgendjemand meint, ich müsste das und am Ende ist laut Kinderarzt gar nichts.

Nein, ich kann und möchte meinen Mann nicht mehr einspannen. Er ist stark gesundheitlich angeschlagen und wenn man möchte, dass die eigenen Grenzen respektiert werden, sollte man auch die Grenzen anderer Menschen erkennen können.

Nein, ich möchte keinen Überraschungsbesuch.

Nein, ich möchte keine Ausflugstipps.

Nein, es ist mir nicht zu langweilig, zwei Wochen mit meinem Kind an der See Urlaub zu machen.

(Ich würde mich nämlich gern für fünf Wochen allein in ein Zimmer nur mit Bett und Toilette einschließen und danach wie ein neuer Mensch wieder herauskommen wollen.)

Nein. Nein. Nein. Nein. Nein. Nein. Nein. Nein. Nein. Nein. Nein. Nein. Nein. Nein. Nein. Nein. Nein. Nein. Nein. Nein. Nein. Nein. Nein. Nein. Nein. Nein. Nein. Nein. Nein. Nein.  Nein. Nein. Nein. Nein. Nein. Nein. Nein. Nein. Nein. Nein.  Nein. Nein. Nein. Nein. Nein. Nein. Nein. Nein. Nein. Nein…

Es reicht.

Bis hierhin und nicht weiter!

Und „Nein“ sagen, das sollte ich jetzt öfter.

(P.S.: Diesen Text lese ich mir gleich noch einmal oder am Besten öfter laut vor. Aus therapeutischen Gründen ;-).)

Nachtrag: Insbesondere der Kommentar von Geizbock ist sehr lesenswert. Sie hat einen Gegenentwurf gemacht.