Mütterliche Fantasie

Es ist drei Uhr morgens.

Mein Kind hat nun doch stärkeren Husten bekommen. Kein Wunder, wenn es die Socken, die ich ihm anziehe, immer wieder auszieht und auch meint, nicht viel trinken zu müssen. Egal womit ich es belohne und locke.

Durch das Husten bin ich aufgewacht.

Nun schläft mein Kind wieder ruhig, bei uns im Bett.

Ich bin nun hellwach.

Meine Pläne für die nächsten Tage sind innerhalb von Sekunden in sich zusammengekracht.

Hätte mein Mann morgen keinen Urlaub, sähe es noch schwieriger aus.

Und ich stelle mir vor, dass ich mein Konto checke, eine kleine Tasche packe und morgens für fünf Uhr früh ein Taxi bestelle. Ich könnte zum Bahnhof fahren, dort eine Fahrkarte lösen und an den Ort fahren, den ich liebe. Es ist eine kleine Insel. Der reale Ort, den ich mehrfach besucht habe, und mittlerweile gleichzeitig der Ort meiner Träume.

Und ich würde einfach sang- und klanglos verschwinden. Ich würde mich bei niemandem erklären. Ich würde keine Vorkehrungen treffen. Mein Kind wäre bei meinem Mann und meiner Mutter für ein paar Tage gut versorgt. Das weiß ich. Ich würde mir ja nur eine kleine Auszeit stehlen.

Und ich würde alle um mich herum etwas lehren. Wie wichtig es ist, dass ich funktioniere und insbesondere, dass ich funktionstüchtig bleibe. Dass es auf Dauer nicht schlau ist, bei meiner Belastbarkeit und Gesundheit auf Risiko zu spielen und zwar von allen Seiten. Sei es die Familie, sei es der Job, seien es diverse Institutionen mit Ansprüchen an einen als Mutter. Ich würde aussteigen, für ein paar Tage, ohne Erklärung, und dann würde es überall so richtig knallen. Auf einmal müssten andere ordentlich rotieren, so wie ich es immer tue. Sie müssten sich den Kopf über Dinge zerbrechen, über die ich mir sonst den Kopf zermartere. Sie würden die widersprüchlichen Anforderungen endlich einmal in vollem Ausmaß am eigenen Leib spüren.

Der Gedanke gefällt mir. Seit ich Mutter bin, bin ich rachsüchtig geworden. Manchmal. Aber immer öfter. Obwohl ich eigentlich immer ein friedliches Wesen war.

Ich würde mich in das kleine Romantikhotel einmieten, in dem ich schon so glückliche Ferien mit meinen Großeltern verbringen durfte. Sie haben mich als Enkelin manchmal für ein paar Tage dorthin eingeladen. Es war einfach himmlisch und diese schönen Erinnerungen bleiben für immer. Das waren Ferien, in denen es Rote Grütze und heiße Schokolade, viel Ruhe, lange Strandspaziergänge, Bücher, Eis und Nougat und Entspannung im Wellness-Bereich gab, Zeit für alles, was ich wollte, ein gemütliches Zimmer. Die schönsten Ferien meines ganzen Lebens.

Ich kann mich glücklich schätzen, dass ich solche Ferien überhaupt erleben durfte. Das weiß ich.

Auch meine Dankbarkeit und Zufriedenheit sind mir abhanden gekommen.

Ich entdecke Wesenszüge an mir, die immer deutlicher hervortreten, die früher in dem Ausmaß nicht da waren. Ich ertappe mich bei Neid, sogar manchmal  Missgunst, Unzufriedenheit und Undankbarkeit.

Auch ungerecht bin ich geworden. Ich möchte die Menschen bestrafen, die mir am ehesten helfen, wenn auch nicht immer in dem Umfang, in dem ich es mir wünschen würde.

Ich habe nun, mitten in der Nacht, ganz klar vor Augen, was die Überlastung mit mir macht. Sie schält langsam aber sicher die weniger liebenswerten Facetten meiner Persönlichkeit heraus.

Ist es das, was wir wollen? Mütter, die so im Unreinen mit sich sind? Weil sie nicht mehr können. Weil sie und ihr Partner – über beide betrachtet – zu viele Stunden die Woche berufstätig sind (weil es keine passenden Teilzeitjobs für Mütter für zwei, drei Tage die Woche gibt) und der Alltag nur noch Flickwerk ist, das permanent ausgebessert werden muss.

Wieso werden Unsummen für Kitas gezahlt, aber nicht für Mütter, die noch ein wenig zuhause bleiben oder nur ein paar Stunden die Woche Teilzeit arbeiten wollen, weil sie diesen alltäglichen Krampf kaum aushalten können? Das Geld ist da, aber nur dafür, dass Fremde mein Kind versorgen.

Ich selbst werde immer unzufriedener und unerträglicher, weil die Mehrfachbelastung mir die Luft abklemmt.

Aber es ist ja ein Urlaub in Sicht. Nicht am Ort meiner Träume, aber nicht so weit davon entfernt. Und dafür bin ich dankbar. Doch, es ist wie ein Hoffnungsschimmer, darauf, einmal ein wenig aufzutanken. Nur noch ein paar Wochen und ich habe wieder frische Luft. Ich werde wieder atmen können.

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2 Gedanken zu “Mütterliche Fantasie

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