Trügerische Momentaufnahmen

Seit ich den Familienkosmos kennengelernt habe, weil ich selbst ein kleines Kind habe, ist mir nach und nach Eines klar geworden: Über Familien darf man nicht vorschnell, also nach einer Momentaufnahme urteilen.

Dafür ist das Leben mit Kindern zu facettenreich, der Alltag zu vollgestopft, eine Situation oftmals zu vertrackt oder unklar.

Nehmen wir einmal an, wir bekämen Überraschungsbesuch von einem kinderlosen Paar (Hatte ich schon erwähnt, dass ich Überraschungsbesuche hasse 😉 ). Wäre dieses vor ein paar Tagen spontan vorbeigekommen, hätte es unsere Küche nicht betreten können. Da lagen weit verstreut unsere Einkäufe herum, natürlich nur noch die, die nicht in den Kühlschrank oder ins Tiefkühlfach müssen. Im Kinderzimmer und im Bad bot sich ebenfalls ein chaotischer Anblick. An dem Tag habe ich in der Kita beim Renovieren geholfen und abends nur noch zu meinem Mann gesagt: „Ich muss jetzt schlafen, alles andere machen wir morgen.“

In so einem Moment könnte man auf den ersten Blick vermuten, mein Kind wüchse in einem unvorstellbaren Chaos auf. Aber das tut es nicht. Solche Situationen kommen sehr selten vor.

Auch das vorübergehende Chaos nach Rückkehr vom Job und aus der Kita, wenn mein Kind sich müde auf den Boden und seine Sachen von sich schmeißt (und noch ein paar andere Dinge durch die Gegend wirft) und ich zu müde bin, sie gleich alle aufzuheben, ist nur eine Momentaufnahme. Zwei Stunden später ist hier wieder alles im Lot.

Genauso verhält es sich mit Schreianfällen. Mein Kind schafft es z.B. – weil es ein cleveres Bienchen ist – sofern es einen bestimmten Lolli nicht bekommt, auf dem Supermarktparkplatz in großer Lautstärke „Ich habe soooo schrecklichen Hunger.“ zu rufen. Das müsste natürlich jeden alarmieren und tut es auch. Erst wenn ich dann ein Brot anbiete und dieses schroff abgelehnt wird, sind die Umstehenden erleichtert.

Es lohnt sich immer, eine Momentaufnahme erst einmal als solche zu werten. Damit wäre vielen Familien geholfen.

Es spricht aber auch nichts dagegen, noch ein wenig länger oder öfter mal hinzuschauen, wenn man wirklich ein schlechtes Bauchgefühl hat.

Je länger und öfter man hinschaut, desto vollständiger wird das Bild und desto ausgewogener kann das Urteil ausfallen.

 

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2 Gedanken zu “Trügerische Momentaufnahmen

  1. Damit hast du so Recht! Leider neigen Menschen immer wieder dazu, aus einem kleinen Ausschnitt auf das ganze Bild zu schließen. Auch gerade dann, wenn sie selbst noch nie in so einer Situation waren. Und wie du auch schreibst, es geht auch nicht darum, einfach die Augen vor allem zu verschließen. Sondern wenn einem etwas komisch vorkommt, sich ein größeres Bild zu verschaffen und zu sehen, wie die Umstände tatsächlich sind, statt sofort zu urteilen und anzuklagen. Ein bisschen Verständnis kann manche Situation so erleichtern für alle Beteiligten…

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    1. Das hast Du schön beschrieben, Alice. Ich erinnere mich an eine Situation als Kinderlose. Eine Mutter schimpfte im Park mit ihrem Kind. Ich dachte, dies müsste die schlimmste Mutter der Welt sein. Heute weiß ich, dass ich nur einen ganz kleinen Ausschnitt gesehen habe und noch nichts davon wusste, wie das Leben als Mutter ist. Heute würde ich nicht sofort urteilen, sondern noch länger hinschauen und dann weitersehen.

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