Totale Erschöpfung – Welche Maßnahmen mir als Mutter in den letzten Monaten wirklich geholfen haben

Ich mag mein Leben wieder. Ich habe das Gefühl, nicht mehr durch mein Leben zu hetzen und dass es aus dem Tal auch wieder einen Weg nach oben gibt.

Für alle Mamas da draußen, die regelmäßig bei mir lesen, schreibe ich nun auf, was mir wirklich geholfen hat und noch hilft:

  1. Die Arbeitszeitreduzierung und gleichzeitige Reduzierung der Anzahl der Tage, die ich in der Woche arbeite. Letzteres hat mir einen weiteren Tag in der Woche das morgendliche und nachmittägliche Gehetze gespart.
  2. Das noch stärkere Prioritätensetzen bei der Arbeit und das genaue Artikulieren der Situation („Wenn ich das jetzt mache, dann komme ich heute nicht mehr zu …“, „Diese Aufgabe würde einen Tag in Anspruch nehmen“, „Das habe ich leider nicht geschafft.“). Außerdem achte ich darauf, keine Aufgaben anzunehmen, die eigentlich gar nicht von mir übernommen werden müssen. Diese genaue Abgrenzung gelingt nicht immer, aber immer öfter.
  3. Ich habe verstanden, dass ich bei der Arbeit auch mal eine Tabelle abgeben kann, die in meinen Augen nicht perfekt ist (in Bezug auf Formatierung etc.). Es reicht, wenn sie ihren Zweck erfüllt und die Fragen des Chefs beantwortet.
  4. Eine Reinigungskraft, die mir in regelmäßigem Abstand Grund in den Haushalt bringt.
  5. Das schonungslose Bekennen und der offene Umgang mit meiner totalen Erschöpfung vor meiner ganzen (auch erweiterten) Familie. Sie haben es nun begriffen, dass ich mein Leben verändern muss, dass ich ihren Leistungsansprüchen nicht mehr genügen kann und auch nicht will. Komischerweise verändern sich einige von ihnen gerade in die gleiche Richtung und machen es mir dadurch ein wenig leichter.
  6. Die Verwendung eines Familien-Wochenplaners, der mir durch das schnelle Draufschauen visualisiert, wenn die Wochen zu voll sind. Mein Ziel: Nur zwei Termine die Woche zu haben, einer davon kann schon ein Arztbesuch für mein Kind sein (Dieses Ziel erreiche ich natürlich nicht immer, aber es hilft bei der Begrenzung).  Bevor ich einen Termin mache, gucke ich auf diesen Wochenplaner und überlege, wie sich die Woche mit ihren Eintragungen anfühlt. Fühlt sie sich schlecht an, dann schlage ich einen Termin in der nächsten oder übernächsten Woche vor.
  7. Wir machen am Wochenende Familienausflüge in die Natur. Das haben wir schon immer gemacht, aber trotzdem möchte ich noch einmal betonen, wie gut die frische Luft und Natur tut.
  8. Ich gehe viel mit meinem Kind auf den Spielplatz in der Nachbarschaft. Ich lade ab und zu Kinder ein.
  9. Wenn ich erschöpft bin oder wenn ich einfach Lust darauf habe, legen wir auch einmal einen Kuschelnachmittag mit Vorlesen und Nichtstun ein. Mein Kind spielt dann oft für eine ganze Weile sehr schön und ich lese auf dem Sofa.
  10. Wir besuchen keinen einzigen Kinderkurs und uns fehlt nichts.
  11. Die Einnahme eines Antidepressivums in geringer Dosis und zwar seit Monaten jeden Abend. Seitdem kann ich wieder schlafen und wache nachts nicht für mehrere Stunden auf. Ich habe lange überlegt, ob ich das schreiben kann, ohne dass es meinem Blog (der mir sehr am Herzen liegt) und seiner Rezeption schadet. Das kann ich. Es zeigt, dass jemand, wenn er Mutter wird, so weit kommen kann, dass er chronische Schlafstörungen entwickelt, die auch noch andauern, wenn das Kind schon lange gut schläft. Es zeigt, dass jemand, der vorher noch nie Antidepressiva in seinem Leben genommen hat, sie jetzt braucht, um wieder auf die Beine zu kommen. (Natürlich muss das mit einem Facharzt besprochen werden. Ich kann keinerlei kompetente Auskunft dazu geben. Ich kann nur sagen, dass es mir gerade sehr hilft. Es ist nicht mein Ziel, dauerhaft etwas einzunehmen, aber ich kann einfach nicht darüber schweigen, dass diese Maßnahme mein Schlafdefizit aufgefüllt und mir wieder mehr Lebensfreude geschenkt hat.) Was hat mich noch dazu ermutigt, hierüber jetzt ganz offen zu schreiben? Eine Reportage auf Arte über französische Mütter, die ja in puncto Leistungsfähigkeit als Vorbild in ganz Europa dienen. In der Reportage wurde nämlich auch der Antidepressiva-Konsum der Franzosen thematisiert. Eine gute Nebenwirkung eines Antidepressivums ist, dass einem Dinge manchmal nicht mehr so nah gehen: Die gehässige Bemerkung des Kollegen über meine verkürzte Arbeitszeit zum Beispiel. Nicht mehr so wichtig. Mein größtes Ziel ist es, bald wieder ohne diese Hilfe auszukommen. Dafür muss ich weitere Weichenstellungen in meinem Leben und meinem Denken vornehmen. Ich bin sehr zuversichtlich, dass mir das gelingen wird. Einige von Euch werden jetzt überrascht sein, das alles zu lesen, aber ein Hauptmerkmal dieses Blogs soll weiterhin Ehrlichkeit sein.

Ein Teil der Maßnahmen, die mir wirklich geholfen haben (Arbeitszeitreduzierung, Reinigungskraft), kostet eine Familie Geld, das sie erst einmal haben muss. Deshalb möchte ich mit diesem Beitrag dazu anregen, darüber nachzudenken, wie man Familien wirklich helfen kann und zwar von Geburt eines Kindes an. Um gesunde Familien zu haben, braucht es aus meiner Sicht eine deutlichere finanzielle Unterstützung von Familien in den ersten Lebensjahren der Kinder und ein Herunterfahren des Drucks auf Mütter, schon wieder zu arbeiten, wenn sie nachts noch gar nicht schlafen können. Das Geld dafür ist da. Man gibt es doch später mit vollen Händen für Therapeuten für Kinder und Eltern, Mutter-Kind-Kuren, Haushaltshilfen, Antidepressiva etc. etc. aus. Und man bedenkt niemals weitere Folgekosten der Überlastung und Übermüdung von Eltern. Wer weiß, wie viel Unfälle im Straßenverkehr darauf zurückzuführen sind? Wie viele Unfälle im Haushalt? Wie viele unklare Symptome werden jährlich in Deutschland behandelt (wie Kopfschmerzen, Schwindel …) und der einfache Grund ist der, dass der Alltag für viele Familien nicht mehr bewältigbar ist.

P.S.: Eine wichtige Maßnahme habe ich vergessen, weil sie schon länger läuft (nicht erst seit ein paar Monaten): Das wiederkehrende Gespräch mit einem Verhaltenstherapeuten, der mir in den letzten Jahren eine sehr große Hilfe war und immer noch ist. Im Gespräch mit ihm kann ich mein Verhalten reflektieren und ganz langsam ändern. Diese Gespräche haben mir auch den Mut gegeben, meine Arbeitszeit weiter zu reduzieren.

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16 Gedanken zu “Totale Erschöpfung – Welche Maßnahmen mir als Mutter in den letzten Monaten wirklich geholfen haben

  1. Wie wunderbar zu lesen, dass es dir Schritt für Schritt besser geht. Dass du so ehrlich darüber schreibst, ist ganz ganz viel Wert für alle anderen Mutter, die es sich nicht laut auszusprechen trauen.
    Viele Grüße

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  2. Danke für Deinen ehrlichen und offenen Beitrag. Gerade zu dem Punkt Antidepressiva. ich hab auch 11 Monate Tabletten genommen. Sie haben mir nach dem Burnout wieder auf die Beine geholfen und ich konnte durch sie auch besser schlafen! Ich habe sie dann Anfang des Jahres ausgeschlichen und dann leider wieder schlechter geschlafen. Lag aber auch an sehr persönlichen Problemen. Mein Schlafdefizit ist nach wie vor mein Hauptproblem. Die letzten Wochen und Monate habe ich extrem wenig geschlafen, sei es durch Probleme wälzen, die Störung durch die Kinder, immer früh raus müssen… . Auch wenn ich gerne wieder besser schlafen würde, bin ich froh, derzeit ohne Tabletten auszukommen. Ich habe das Gefühl, wieder intensiver zu empfinden, das finde ich auch toll. Und da ich neu verliebt bin, ist das eben ein schöner Nebeneffekt ;). Aber Du machst es richtig, GENAU RICHTIG! Alles Gute weiterhin!

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    1. Vielen lieben Dank an Dich. Auch durch Deinen Beitrag habe ich den Mut gefasst, mich in dieser Hinsicht zu outen. Ich werde in Abstimmung mit einem Arzt gucken, ob ich es noch ein paar Monate nehme, denn ich glaube, das würde meine Batterien noch weiter aufladen. Außerdem ist es wirklich eine geringe Dosis, was mich beruhigt. Aber die hilft mir schon sehr. Es ist schön, dass man etwas ändern kann, auf den verschiedensten Wegen. Ich freue mich sehr mit Dir, dass Du frisch verliebt bist und es Dir ebenfalls besser geht. Dann wünsche ich Dir von Herzen das Wichtigste :-): Viel guten Nachtschlaf!

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  3. Warum sollte es deinem Blog schaden, über die Einnahme von Antidepressiva zu schreiben? Ich freue mich sehr für dich, dass du dein Leben wieder magst. „Jetzt“ und nicht „irgendwann mal später“ … wenn die Kinder groß sind.. oder… das Haus gebaut oder… die nächste Hierarchieebene in der Arbeit erreicht…
    Weniger zu machen, scheint manchmal schwerer, als mehr.
    Danke für die tollen Tipps!

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    1. Danke für Deinen Kommentar. Ja, für mich ist Weniger eindeutig Mehr :-). Ich brauche Ruhephasen und Zeit für mich und mein Kind. Wir drei (Kind, Mann und ich) profitieren eindeutig von meiner Arbeitszeitreduzierung. Es ist Ruhe eingekehrt und es gibt mehr Zeit und Kraft für soziale Kontakte.

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  4. Es kostet Mut darüber zu berichten aber genau das macht deine Beiträge so authentisch. Ehrlichkeit bei diesem Thema ist so wichtig. Es gibt eine viel zu Schweigerate gibt. Und das Schweigen darüber macht es nur noch schlimmer…. Dabei ist es doch so gut nachvollziehbar. Danke für deinen ehrlichen Beitrag. Und es ist gut, dass es dir jetzt wieder besser geht… Deine genannten Maßnahmen helfen auch bei der Prävention von Erschöpfung!

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    1. Danke für Deinen lieben Kommentar :-). Ja, ich wünsche mir sehr, dass sich manche Mütter meinen Weg ersparen, einfach dadurch, dass sie bei mir lesen, wohin chronischer Schlafmangel, nicht um Hilfe bitten können, manchmal zu perfektionistisch sein etc. führen können. Und so ganz mutig bin ich leider nicht, denn der Blog ist anonym ;-).

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  5. Während meines Studiums, mit einem sechswöchigen Frischling, einem kleinen Trotzkopf und eines bevorstehenden Umzugs erlitt ich auch einen Erschöpfungsvorfall. Drei Tage lang, aus heiterem Himmel bekam ich hohes Fieber und war zu gar nichts im Stande. Es hatte mich aufgerüttelt, endlich einmal auf mich und meinen Körper zu hören.
    Seitdem habe ich meine persönliche Leistungsgrenze nicht wieder überstrapaziert. In gewisser Weise war der Vorfall gut gewesen, weil ich gelernt habe, auf mich zu achten und zu hören.
    Mach dir wegen der Tabletten keinen Kopf. Konzentriere dich mehr, deine Gedanken positiv zu steuern, denn das ist enorm wichtig.
    Ich wünsche dir ganz viel Kraft und innere Ausgeglichenheit.

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