4:25 Uhr – Schlechte Zeit, um wach zu sein – Gute Zeit, um über Schlafstörungen zu schreiben

Ich habe gestern Abend wie üblich meine Tablette genommen, die mir beim Durchschlafen helfen soll. Trotzdem bin ich jetzt wach.

Warum?

Ich brauche nicht lange nach der Antwort suchen.

Gestern habe ich im Büro mitbekommen, dass ein Kollege, der vor drei Wochen im Büro zusammengeklappt ist, wieder da war. Auf die Frage, wie es ihm gehe, antwortete er zögerlich: „Gut“. Und fügte hinzu: „Nicht schlecht genug, um zuhause zu bleiben.“

Ich kenne diesen Kollegen ziemlich genau. Es ist nicht mein Lieblingskollege, aber eines weiß ich: Er macht immer noch den gleichen Job, der mich in die Knie gezwungen hat(samt dem Schlafmangel nach der Geburt meines Kindes). Sein Job ist in der Zwischenzeit nicht einfacher geworden, sondern noch fordernder.

Jeden Tag bin ich glücklich, dass ich diesen, meinen alten Job nicht mehr machen muss. Der Job plustert sich immer mehr auf. Nimmt immer mehr Raum ein. Immer weniger Kollegen müssen immer mehr machen. Ich sehe dieses Elend täglich. Es macht mir jeden Tag bewusst, wie gut meine Entscheidung war, dort nicht mehr einzusteigen. Aber andere Menschen leiden darunter.

Es gibt auch immer mal wieder eine ernst zu nehmende Diagnose im Kollegenkreis. Immer mal wieder. Das finde ich einfach nur heftig. Aber alles geht einfach so weiter.

Niemand ruft „Stop. Bis hierhin und nicht weiter.“

Und so erklärte der Kollege seinen kleinen Zusammenbruch auch damit, dass er ein Medikament genommen habe, welches er wohl nicht vertragen habe. Das habe er nun abgesetzt.

„Ja klar“, habe ich gedacht, was soll er auch sagen?

„Ich kündige. In Eurem Laden läuft so viel schief. Ich gehe langsam vor die Hunde. So wie die anderen, deren Büros seit Monaten verwaist sind, weil die Gesundheit nicht mehr mitgespielt hat.“

Ich sagte zu dem Kollegen noch „Bitte pass‘ auf Dich auf. Das ist wichtig. Ich kann es Dir aus eigener Erfahrung sagen.“

In dem Moment als ich diese Worte sagte, klangen sie schon wie Hohn.

Denn jeder weiß, dass es nicht möglich ist, in der sich immer schneller drehenden Arbeitsmaschine auf sich aufzupassen, geschweige denn auf die anderen um sich herum. Jede Solidarität, jede Hilfsbereitschaft anderen gegenüber sorgt dafür, dass die eigene Überlastung steigt.

Kein Wunder, dass ich nicht schlafen kann.

Was hat das alles mit Schlafstörungen zu tun?

Sehr viel.

Ich kenne genug Leute, für die Schlaf mittlerweile ein echtes Problem ist. Sie versuchen das im Alltag zu verschleiern.

Sie machen sich im Job gegenseitig Druck, diskutieren in Meetings, dass die Zusammenarbeit nicht klappt, weil Kollege XY seine Aufgaben nicht erledigt hat.

„Nicht geschafft hat“ müsste man wohl eher sagen.

Aber das sagt niemand, denn jeder denkt, er wäre dann raus. Aus diesem russischen Roulette.

Ich habe schon früher, als ich noch kein Kind hatte, in diesen Meetings gedacht: Wieso sagt nicht einer mal:

„Wir haben eigentlich gar kein Problem miteinander, sondern allesamt ein Problem mit dem nicht mehr zu bewältigenden Arbeitspensum.“

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9 Gedanken zu “4:25 Uhr – Schlechte Zeit, um wach zu sein – Gute Zeit, um über Schlafstörungen zu schreiben

    1. Ich freue mich, dass diese Beiträge bei Euch so ankommen, wie sie gemeint sind. Es ist nicht schön, zu schreiben, dass man Tabletten zum Schlafen nimmt (glücklicherweise eine sehr geringe Dosis), aber aus Gesprächen weiß ich, dass ich nicht die Einzige bin. Und ich möchte in diesem Blog nach wie vor ehrlich sein. Ich werde auch schreiben, wenn es wieder ohne Hilfe geht ;-). Liebe Grüße

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  1. Hallo Mara, Schlafstörungen kann ich gut nachvollziehen, geht es mir ähnlich. Oft wache ich zur gleichen Zeit auf (4:11) nd dann geht das Gedankenkino los. Ich wälze nachts Probleme von gestern und versuche die von morgen zu lösen. Am nächsten Tag dann bin ich spätestens ab 12 Uhr so am Rande meiner Kräfte, dass dadurch neue Probleme entstehen. Seit ein paar Wochen bin ich deshalb dran, mein Leben ganz genau zu betrachten und übe mich in Entschleunigung, zur Zeit eher schlecht als recht, doch ist oft aller Anfang schwer….Ich hoffe du findest Deinen Weg, den Tabletten zu nehmen, nimmt nicht die Ursache… Liebe Grüße

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    1. Das sehe ich ganz genau so. Deshalb arbeite ich ebenfalls daran, in meinem Leben Vieles in Richtung Entspannung zu lenken. Das Letzte, was ich möchte, ist auf Dauer nur mit Tabletten-Hilfe Schlafen zu können. Aber nach vier Jahren Schlafstörungen geht das nicht von einem Tag auf den anderen und deshalb übe ich mich noch ein wenig in Geduld … 😉 Liebe Grüße!

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  2. Unterschreibe ich so. Mit ein Grund, warum ich aktuell selbst krank geschrieben bin. Gut, bei mir ist sicher noch einiges anderes im Argen, aktueller Auslöser aber eben auch die Arbeit. Der Umgang miteinander. Und eben das man schnell merkt, es machen alle einfach mit, als würde die Welt untergehen, wenn man sich mal gegen die Maschine stellt. Ein kleiner Stein kann ein komplettes Zahnrad-Laufwerk kaputt machen. Warum machen das wir Menschen nicht auch einfach mal? Je mehr, umso geringer die Last für den Einzelnen.

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    1. Ich finde es auch erschreckend, wie viele Menschen durch ihre Arbeit krank werden. Es nützt auch nichts, wenn in den Mittagspausen Yoga angeboten wird, das Arbeitspensum aber weiter so bleibt. Die Arbeit muss auf ein machbares Maß reduziert werden.

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      1. Ach pff, Yoga in der Mittagspause, so witzlos. Arbeit muss machbar sein. Zu machbar gehört auch, dass eine gute Arbeitsumgebung da ist, das Klima gefördert und nicht noch aktiv Konflikte geschürt werden (selbst erlebt), dass die Strukturen und Prozesse dauerhaft aktualisiert und angepasst werden, so dass Workflow nicht einfach nur ein Wort ist, sondern tatsächlich existiert.

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