Welche Frage ich seit der Geburt meines Kindes nicht klären konnte …

Weshalb unsere Gesellschaft ihre Familien so belastet.

Weshalb sie verlangt, dass Mütter stillen und nachts nicht schlafen und gleichzeitig tagsüber arbeiten und daneben noch das optimale Kind großziehen, vielleicht auch noch mit ganz wenig Geld.

Meine Mutter hat nachts meist geschlafen, tagsüber nicht gearbeitet, musste nur einmal im Jahr für das Kitafest Kuchen backen und das Gehalt meines Vaters reichte für die ganze Familie.

Wieso werden Familien heute noch zusätzlich dadurch belastet, dass die Kinder permanent gescreent und optimiert werden?

Nichts gegen die regelmäßigen ärztlichen Untersuchungen, die halte ich für sehr wichtig. Das Ansinnen an sich, dass es Kindern so gut wie möglich gehen soll und der Staat darauf ein Auge hat, finde ich sehr gut und würde darauf niemals verzichten wollen.

Aber die Ausführung ist katastrophal.

Mein Kind wurde vor ein paar Wochen mal wieder ausführlich bewertet. Alles im grünen Bereich. Kein Grund zur Sorge. Keine Therapievorschläge. Ein Glück!

Es passt ins Schema, entwickelt sich wie gesellschaftlich gewünscht.

Aber das Gefühl, dass diese permanente Überwachung von Familien verursacht, gefällt mir überhaupt nicht.

Und ich bin mir sicher, in unserer alten, viel weniger kompetenten Kita wäre ich mit zwei Therapievorschlägen aus dem Gespräch gegangen. Und ich hätte sie wahrscheinlich angenommen, da mein Kind dort schon längst verstört gewesen wäre, weil man ja möglichst nicht mit ihm sprechen wollte, damit es keine Bindung zu einem aufbauen kann und man dann weniger Arbeit hat.

Viele der Therapiebedarfe entstehen erst durch schlechte Kitaversorgung und durch total überlastete Eltern. Das ist das Ergebnis meiner Beobachtungen der letzten Jahre.

Meine Mutter hatte früher noch Zeit, sich um ein Nachbarkind zu kümmern und öfter für es mit zu kochen. Sie hatte Zeit, ihre Umgebung wahrzunehmen und für andere zu sorgen. Wir Mütter sind heute froh, wenn wir gerade eben den perfekten Maßstab, der an uns angelegt wird, für unser eigenes Kind erfüllen. Besser, wir gucken gar nicht mehr links und rechts. Da könnten uns ja noch andere Menschen brauchen. Bekommen wir mit, dass es in einer anderen Familie gerade ganz eng ist, z.B. weil die Mutter dekompensiert, müssen wir uns dreimal überlegen, wie viel wir helfen können, ohne selbst unsere Gesundheit aufs Spiel zu setzen. Unsere eigene Luft ist schon knapp genug

Wir müssen uns nicht über so viele geschiedene Ehen, so viele erschöpfte Väter und Mütter wundern, so viele Kinder, die nicht genügend Aufmerksamkeit von ihren Eltern und auch der mit sich selbst beschäftigten Nachbarschaft bekommen.

Wir produzieren sie am laufenden Band selbst.

Wenn wir das Geld für die ganzen Kindertherapien, Mutter- bzw. Vater-Kind-Kuren, ärztliche Versorgung erschöpfter Eltern, Familienhilfeprojekte darin investieren würden, dass Familien wieder ein wenig Luft bekommen, zeitlich und finanziell, dann würden wir wirklich das Familien- und damit das Kindeswohl im Auge haben.

Aktuell lassen wir sehenden Auges „Kinder in den Brunnen fallen“, weil wir ihre Familien systematisch destabilisieren, um sie dann mit staatlicher Hilfe wieder herauszuholen.

Leider kann der Staat niemals eine ausgeglichene, liebende Familie ersetzen. So sehr er sich auch bemüht.

 

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6 Gedanken zu “Welche Frage ich seit der Geburt meines Kindes nicht klären konnte …

  1. Ich glaube nicht, dass es den Familien früher besser ging und die Kinder weniger Förderungsbedarf hatten. Ich glaube, der Erwartungsdruck, was ein Kind wann alles können muss, war ein anderer. Außerdem bin ich ein DDR Kind, da haben auch früher schon die meisten Mütter Vollzeit arbeiten müssen. Wir hatten dafür Großeltern, die sich gekümmert haben. Dieses Glück ist ja mit zunehmender Mobilität auch nur noch wenigen Familien gegeben.
    Aber ich stimme dir über deinen Ärger in Bezug auf die Art und Weise zu, wie diese U-Untersuchungen ablaufen. Mir selbst graut es schon wieder vor dem nächsten Termin, wenn mein 5 jähriger „geprüft“ wird und wieder Schimpfe bekommt, dass er noch nicht gut genug mit dem Stift umgehen kann. Gut genug für was? Dieser Optimierungswahn für die Schule macht mich wahnsinnig und ich weigere mich mein Kindergarten-Kind zur Ergotherapie zu schicken, weil es noch nicht so gut malen oder gar schreiben kann wie manch anderes Kind in seinem Alter. Er wird es noch lernen mit dem Stift umzugehen, früher oder später! Ich bin ganz sicher!

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    1. Ich glaube auch, dass der Erwartungsdruck, was ein Kind wann können muss, früher ein anderer war. Die U-Untersuchungen sind bei uns übrigens (bis jetzt) ganz friedlich. Mich stört aber trotzdem dieses Grundgefühl, dass die Kinder bis zum Schulbeginn schon optimiert werden. Deshalb habe ich die Grundschule damals wohl auch als so schön und so behütet empfunden. Ich durfte dort damals richtig Kind sein.

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  2. Heute sah ich im Fernsehen passend zu diesem Artikel dass die deutsche fernsehlotterie neun Kindern aus sozial schwachen Familien einen Urlaub im Watt ermöglichte. Ichhätte schreien können. Erstmal wurde gleichgesetzt, dass Eltern die mit ihrem Kind nicht in den Urlaub fahren können sozial schwach sind. Des weiteren wurde überhaupt nicht überlegt warum sich Familien keinen Urlaub leisten können oder ob man denn überhaupt Wegfahren muss. Und dann wurde auchnoch voyeuristisch über die Kinder berichtet: guckt mal dieses kind sieht zum ersten Mal eine Krabbe, das arme Kind.
    Familien stärken. Mütter und Väter stärken. Damit es den Kindern gut geht. Es ist so schon diese einfache Weisheit bei dir zu lesen.

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    1. Danke fürs Lesen, Simmis Mama! Ich freue mich immer darüber. Ja, ich finde auch, dass man überhaupt nicht in den Urlaub fahren muss. Kinder sind nicht unbedingt arm, nur weil sie nicht in den Urlaub fahren. Arm sind Kinder, deren Familien es nicht gut geht, aus den verschiedensten Gründen.

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  3. Ja. Problematisch wird, wenn Kinder nicht der Norm entsprechen: Sprachentwicklung. Motorik. Sozialverhalten und und und…
    Wenn man nicht perfekt ist, hat man es schwerer sich in einer (scheinbar) perfekten Gesellschaft zu behaupten…
    Und das Schlimme ist: Egal wie: den Kindern wird es nicht leicht gemacht….

    LG

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