Ich bin nicht allein …

mit den Gefühlen

der Überforderung,

der Übermüdung,

des Gehetztseins

der letzten Jahre.

Um das zu begreifen, muss ich mir nur Frauenzeitschriften genauer ansehen.

Es ist auffallend, dass in vielen dieser Magazine mittlerweile auf jeder x-ten Seite für Beruhigungs- und Schlafmittel sowie Vitaminpräparate geworben wird. Achtet einmal darauf.

Eine Werbung fand ich besonders treffend, aber auch traurig:

Abbildung einer Mutter mit Kind

Darunter sinngemäß die Worte: „Sie sind von der Arbeit gestresst. Ihr Kind will unterhalten werden. Nehmen Sie etwas von unserem Vitaminpräparat.“

Ist das unsere Zukunft? Medikamente, Aufputschmittel und Vitaminpräparate?

Aber das eigentliche Problem bleibt bestehen. Die systematische Überforderung von Eltern.

Aber nicht nur die.

Die systematische Überforderung von uns allen.

Heute morgen blockierte mir ein Müllwagen den Weg zum Parkplatz. Ich wartete geduldig und warf einen Blick ins Fahrerhaus.  Da saß keiner drin. Dann kam ein Mann angehetzt und warf sich hinters Steuer und fuhr den Wagen weiter. Was ist das wohl für ein Arbeitstag? Den Wagen ein Stück bewegen, dann herausspringen, schwere Mülltonnen wuchten, wieder ans Steuer springen, weiterfahren …

Das ist doch nicht normal.

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4:25 Uhr – Schlechte Zeit, um wach zu sein – Gute Zeit, um über Schlafstörungen zu schreiben

Ich habe gestern Abend wie üblich meine Tablette genommen, die mir beim Durchschlafen helfen soll. Trotzdem bin ich jetzt wach.

Warum?

Ich brauche nicht lange nach der Antwort suchen.

Gestern habe ich im Büro mitbekommen, dass ein Kollege, der vor drei Wochen im Büro zusammengeklappt ist, wieder da war. Auf die Frage, wie es ihm gehe, antwortete er zögerlich: „Gut“. Und fügte hinzu: „Nicht schlecht genug, um zuhause zu bleiben.“

Ich kenne diesen Kollegen ziemlich genau. Es ist nicht mein Lieblingskollege, aber eines weiß ich: Er macht immer noch den gleichen Job, der mich in die Knie gezwungen hat(samt dem Schlafmangel nach der Geburt meines Kindes). Sein Job ist in der Zwischenzeit nicht einfacher geworden, sondern noch fordernder.

Jeden Tag bin ich glücklich, dass ich diesen, meinen alten Job nicht mehr machen muss. Der Job plustert sich immer mehr auf. Nimmt immer mehr Raum ein. Immer weniger Kollegen müssen immer mehr machen. Ich sehe dieses Elend täglich. Es macht mir jeden Tag bewusst, wie gut meine Entscheidung war, dort nicht mehr einzusteigen. Aber andere Menschen leiden darunter.

Es gibt auch immer mal wieder eine ernst zu nehmende Diagnose im Kollegenkreis. Immer mal wieder. Das finde ich einfach nur heftig. Aber alles geht einfach so weiter.

Niemand ruft „Stop. Bis hierhin und nicht weiter.“

Und so erklärte der Kollege seinen kleinen Zusammenbruch auch damit, dass er ein Medikament genommen habe, welches er wohl nicht vertragen habe. Das habe er nun abgesetzt.

„Ja klar“, habe ich gedacht, was soll er auch sagen?

„Ich kündige. In Eurem Laden läuft so viel schief. Ich gehe langsam vor die Hunde. So wie die anderen, deren Büros seit Monaten verwaist sind, weil die Gesundheit nicht mehr mitgespielt hat.“

Ich sagte zu dem Kollegen noch „Bitte pass‘ auf Dich auf. Das ist wichtig. Ich kann es Dir aus eigener Erfahrung sagen.“

In dem Moment als ich diese Worte sagte, klangen sie schon wie Hohn.

Denn jeder weiß, dass es nicht möglich ist, in der sich immer schneller drehenden Arbeitsmaschine auf sich aufzupassen, geschweige denn auf die anderen um sich herum. Jede Solidarität, jede Hilfsbereitschaft anderen gegenüber sorgt dafür, dass die eigene Überlastung steigt.

Kein Wunder, dass ich nicht schlafen kann.

Was hat das alles mit Schlafstörungen zu tun?

Sehr viel.

Ich kenne genug Leute, für die Schlaf mittlerweile ein echtes Problem ist. Sie versuchen das im Alltag zu verschleiern.

Sie machen sich im Job gegenseitig Druck, diskutieren in Meetings, dass die Zusammenarbeit nicht klappt, weil Kollege XY seine Aufgaben nicht erledigt hat.

„Nicht geschafft hat“ müsste man wohl eher sagen.

Aber das sagt niemand, denn jeder denkt, er wäre dann raus. Aus diesem russischen Roulette.

Ich habe schon früher, als ich noch kein Kind hatte, in diesen Meetings gedacht: Wieso sagt nicht einer mal:

„Wir haben eigentlich gar kein Problem miteinander, sondern allesamt ein Problem mit dem nicht mehr zu bewältigenden Arbeitspensum.“

Gedanken einer schlaflosen Nacht

Gestern Abend habe ich, wegen der späten Uhrzeit, zu der ich zu Bett ging, meine Tablette nicht nehmen können, die mir schon seit einer ganzen Weile hilft, die Nacht durchzuschlafen.

Das ist nicht schlimm an Tagen, an denen ich keine Sorgen habe. Ging der Nacht jedoch ein Tag voraus, der sehr anstrengend oder aufwühlend war, wache ich nachts wieder genau zu der Zeit auf, die mir aus den Zeiten meiner schlimmsten Schlafstörungen bekannt ist. Das beunruhigt mich. Ich werde es mit meinem Arzt besprechen. Es ist vermutlich einfach ein Zeichen, dass ich die Tabletten leider noch länger brauche.

Wenn ich dann wieder ins Grübeln gerate, dann kommen mir folgende Gedanken in den Sinn.

Warum halten wir alle das sich immer schneller drehende Leben nicht an?

Warum lassen wir andere unter dem leiden, was uns selbst kaputt macht?

Vor einer Woche gingen wir in ein Restaurant. Es war ein verregneter Tag und das Restaurant war komplett überfüllt. Ich sah einen Kellner wie wild durch die Gegend flitzen, später entdeckte ich noch einen zweiten Kellner. Es war beklemmend, ihnen zuzusehen. Das Beobachten machte einen atemlos. Mein Mann und ich warteten erst einmal geduldig ab, ob der Kellner Zeit für uns haben und uns irgendwann bemerken würde. Das tat er aber nicht. Wir beschlossen, zu warten, denn es wurde einem beim Hinsehen schwindelig. Wir warteten eine dreiviertel Stunde. Leute kamen und gingen. Viele, die nach uns kamen, wurden vor uns bedient. Die Kellner arbeiteten immer noch in einem unglaublichen Tempo, der Kopf des Einen war mittlerweile hochrot. An den Gesichtern der anderen Gäste konnte ich die Unzufriedenheit ablesen. Sie scheuchten den Mann, erwarteten Bedienung, aber pronto. Irgendwann hob ich zaghaft den Arm und suchte Blickkontakt zum Kellner. Nachdem ich das noch zweimal versuchte, kam er zu uns und nahm ganz freundlich die Bestellung auf. Ich sagte zu ihm: „Sie haben heute aber wirklich einen wahnsinnigen Job“. Erleichterung huschte über sein Gesicht. „Ja, gestern waren wir noch Vier. Das ging gerade so. Heute müssen wir alles zu Zweit schaffen.“ Er bediente uns zuvorkommend und mir war in dem Moment klar, dass er uns schon lange gesehen hatte. Er hat vermutlich nach dem allzu verständlichen System „Ich bediene zuerst die, die am unangenehmsten werden können.“ gearbeitet und das war aus seiner Sicht genau richtig. Aus unserer Sicht übrigens auch. Ich hatte nämlich Angst, dass er vor den Augen aller Gäste kollabiert, so sehr in Hetze war er.

Es belastet mich, zu sehen, dass Menschen, die selbst an ihren Arbeitsstellen Gehetzte sind, in ihrer Freizeit ihr eigenes Leid vergessen und Anderen genau das Gleiche antun.

Und ich weiß: „Wenn wir alle weiter so handeln, kann es nicht besser werden.“ Wenn wir glauben, dass wir Waren und Dienstleistungen überall nahezu zum Nulltarif bekommen können, dann wollen auch andere möglichst viel Leistung von uns sehen, ohne uns dafür angemessen zu entlohnen.

Es leidet alles.

Wir konsumieren immer mehr in weniger Zeit und wir leben immer weniger.

 

Schlafstörungen

Gerade drang das erste Zwitschern eines Vogels durch unser offenes Schlafzimmerfenster.

Es ist 3:35 Uhr.

Mein Mann liegt schlafend neben mir. Ich fühle seine Erschöpfung.

Und ich?

Ich habe mal wieder Schlafstörungen.

Vor dem Kind hatte ich sie bereits in anstrengenden Phasen im Job.

Richtig kennen lernte ich sie dann nach der Geburt.

Ich dachte, ich hätte sie weitestgehend überwunden.

Aber, ich habe die Rechnung ohne den Jobwiedereinstieg gemacht.

Gerade war ich glücklich mit den Bedingungen im Job. Da gibt es wieder eine Änderung. Wie so oft im Leben. Ich kann Änderungen nicht ausstehen.

Ich soll in einer anderen Abteilung zusätzlich helfen. Diese andere Abteilung fühlt sich an wie ein Ertrinkender, der sich an die Helfenden klammert und sie mit in die Tiefe zieht.

Traurig für die dort Beschäftigten.

Traurig für mein Kind.

Es gerät schon wieder zu sehr aus dem Focus.

Ich werde mit meinem Chef sprechen müssen.