„Geht eine Mutter zum Arzt“

„Und?“

„Was und?“

„Das soll der Witz sein?“

„Ja.“

Hätte mir vor ein paar Jahren, als ich noch kein Kind hatte, gut verdient habe, regelmäßig ins Kino und ins Theater und Essen gegangen bin und schöne Reisen gemacht habe, jemand gesagt, dass ich als Mutter mal wichtige Arztbesuche verschleppen würde, ich hätte ihm einen Vogel gezeigt.

Aber es ist so.

Warum geschieht das?

In erster Linie aus Zeit-, in zweiter Linie aus Geldmangel.

Die wenigen Stunden, die ich mir in der Woche erkaufe, in denen mein Kind betreut ist und ich zum Arzt gehen könnte, gehen immer für andere Dinge drauf. Ja, es bleibt immer viel liegen, weil es verdammt schwer ist, mit einem kleinen Kind irgendetwas zu erledigen. Wenn ich diese wenigen kostbaren Stunden in einem Wartezimmer verbringe, ist das für mich höchst unattraktiv. Da surfe ich lieber im Internet und behandele mich mit Hausmitteln selbst. Ja, Ihr habt richtig gelesen. Das ist dumm, aber ich tue es, obwohl ich gar nicht schlecht ausgebildet bin.

Außerdem habe ich Angst vor den Kosten. Mir hat mal ein Arzt eine Behandlung vorgeschlagen, die 800 Euro kosten sollte. Da bin ich hinten über gekippt. Ich war zuhause mit Kind und verdiente nicht. Als ich ihm das verdeutlichte, hat er mir die Behandlung für 200 Euro angeboten. Das war nett gemeint, aber danach war ich noch verwirrter. Und es war auch noch viel Geld für mich. Danach habe ich mich da nicht mehr hin getraut. Für ihn muss es so ausgesehen haben, als ob ich ihm nicht vertraut habe und das ist aus meiner Sicht keine Basis für eine gute Arzt-Patienten-Beziehung.

Diese angebotene teure und vielleicht auch sinnvolle Behandlung sollte übrigens ein Symptom von Stress kurieren, das bei mir besonders schlimm geworden ist, seit ich als Mutter dem Anspruch ausgesetzt war, nachts nicht zu schlafen und gleichzeitig tagsüber zu arbeiten.

Und ich bin noch eine privilegierte Mutter. Ich arbeite nur zwanzig Stunden, werde halbwegs gut bezahlt und habe nur ein Kind. Ich möchte mir nicht ausmalen wie es anderen geht, hinter den Fassaden, die sie gezwungen sind, aufrechtzuerhalten.

Aus meiner Sicht wird es höchste Zeit, in Deutschland einen Fonds für Mütter in Not einzurichten. (Noch) nicht für mich, aber für Mütter, die deutlich schlechter finanziell ausgestattet sind.

Ihr glaubt mir nicht, dass die Zustände so schlimm sind? Warum steigen dann die Anträge für Mutter-Kind-Kuren immer mehr?

Ich vermute auch, dass der Gesundheitszustand vieler Mütter erst dann offenbar wird, wenn gar nichts mehr geht.

Aktuell sieht keiner meine nicht heilende Stelle am Fuß, weil ich bei meinen Schuhen gespart habe und mein angeschlagenes Immunsystem anscheinend nicht gerade förderlich für die Wundheilung ist. Ich muss doch permanent neue Sachen für mein Kind kaufen oder irgendwelche Termine wegen meines Kindes wahrnehmen. Es ist die Mischung aus Geld- und Zeitmangel (Zeit ohne Kind, in der ich mal was erledigen kann), die mich mürbe macht. Ich tue gern alles für mein Kind. Es soll ihm an nichts fehlen. Aber das „Alles“ ist heutzutage einfach nur noch übertrieben, falsch definiert. Materiell werden viele Kinder bis unter das Kinn ausgestattet oder sollen es werden, aber für die emotionale Versorgung fehlen den meist gestressten und kranken Müttern die Kapazitäten und um das nicht das Kind ausbaden zu lassen, vernachlässigen sie sich und ihre Gesundheit.

Was machen eigentlich Mütter mit deutlich geringerem finanziellen Spielraum? Die sich auch keine Betreuung kaufen können. Für die jede neue Regenhose, jedes neue Paar Schuhe ein finanzieller Balanceakt ist? Wie fühlen sich diese Mütter, wenn es fast zum Standard geworden ist, dass Vierjährige dreimal die Woche irgendwelche Kurse besuchen (Ob das sinnvoll ist und viel bringt, steht auf einem anderen Blatt).

Entweder helfen wir ihnen finanziell oder wir befreien sie von diesem Wahnsinns-System mit tausend überflüssigen Kinderkursen, übertriebenen Kindergeburtstagen mit „Motto-Parties“ für Fünfjährige und Kitas, die aus dem letzten Loch pfeifen und deshalb permanent auf die Eltern zurückgreifen müssen.

Ich plädiere dafür, sie und gleich alle anderen Mütter dazu von diesem Wahnsinns-System zu befreien, in dem Kinder bis sie fünf sind schon alles erlebt haben sollen. Der Konsumzwang ist bis in die hintersten Ecken vorgedrungen. Wir alle machen da mit. Ich auch.

Ich will das aber nicht mehr.

Die meisten von uns Eltern leben über ihre finanziellen und kräftemäßigen Verhältnisse und keiner macht den Mund auf. Wir schaden uns selbst, jeden Tag.

Nachtrag: Ich werde nun morgen meine dringend fälligen Arzttermine machen. Jede Woche einen. Die Gesundheit geht vor!

Das soll Emanzipation sein?

Die Emanzipation bzw. Selbstbestimmung hört aus meiner Sicht bei uns dann auf, wenn man ein Kind bekommt.

 

Ja, ich bin Mutter.

Ja, ich bin was man landläufig  „gut ausgebildet“ nennt.

Ja, ich bin „mega-frustriert“.

Und nein, ich werde mich nicht beruhigen …

solange sich die Rahmenbedingungen für alle Mütter und somit auch für mich nicht deutlich ändern.

„Regretting Motherhood“ – Wieso dürfen Mütter eigentlich nicht sagen, was sie denken, ohne als Rabenmütter diffamiert zu werden?

Die Diskussion um „Regretting Motherhood“ gibt mir sehr zu denken. Ich erlebe immer wieder Frauen, die sich dazu zu Wort melden und sich sofort mit dem Vorwurf der „Rabenmutter“ konfrontiert sehen.

Deshalb beginnen alle ihre Ausführungen auch mit dem Satz „Ich liebe mein wunderbares Kind und würde es nie wieder hergeben“. Quasi wie eine juristische Absicherungsklausel. Damit man ihnen auf dem Weg aus dem Fernsehstudio heraus nicht gleich das Kind wegnimmt. Ich kann diese Frauen verstehen.

Und ich habe einen Verdacht. Den Verdacht, dass es Keinem, der diese Frauen angreift, eigentlich um die Kinder geht.

Man will die Botschaft dieser Frauen einfach nur nicht hören.

Sie lautet:

„Ich liebe mein Kind. Aber ich bereue es, unter diesen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen Mutter geworden zu sein.“

Was ist an diesem Satz so verwerflich? Darf man nicht in eine Diskussion über gesellschaftliche Rahmenbedingungen eintreten? Sonst sind wir doch auch immer so demokratisch. Nein, es gibt anscheinend Dinge, die darf man nicht sagen.

Aber warum nicht? Ich habe da noch so einen Verdacht.

Insbesondere Mütter befinden sich heute in einem Hamsterrad. das sich immer schneller dreht. Sie sollen den Nachwuchs großziehen und gleichzeitig ordentlich zum Steueraufkommen beitragen und sich, wenn möglich, auch noch um pflegebedürftige Verwandte kümmern, finanziell schlecht ausgestattete Kitas streichen und deren Gärten umgraben.

Die meisten Frauen haben nicht einmal die Möglichkeit, sich die Talkrunden über „Regretting Motherhood“ im Fernsehen anzuschauen. Da schlafen sie nämlich schon. Viele von ihnen liegen um 20 Uhr im Bett, damit sie morgens um 4:30 Uhr oder 5:00 Uhr wieder aufstehen können.

Und für diejenigen, die von der unerschöpflichen, billigen Arbeitskraft der Mütter profitieren, ist das auch gut so. Mütter werden so lange beschäftigt, bis sie nicht einmal mehr über ihre missliche Situation nachdenken, geschweige denn den Mund aufmachen können. Und tun sie es dann doch, dann können sie ihn gleich wieder zumachen. Denn sie sind ja Rabenmütter, sie lieben ihr Kind nicht. Sie denken undenkbare Dinge.

Ich frage mich: Wer liebt hier die Kinder nicht? Wirklich die Frauen, die nicht mehr länger zu den Zuständen schweigen? Oder eher die Gesellschaft? Die sich alles zurechtbiegt, wie es ihr gerade passt und dabei die Frauen zwischen Begriffen wie „Karrierefrau“, „Helikopter-Mutter“, „Glucke“ und „Heimchen am Herd“ langsam zerquetscht.

Egal, was eine Frau macht. Es ist falsch. Alle Frauen müssen funktionieren und immer weiter machen. Aber nicht für ihr eigenes Seelenheil oder das ihrer Familie, sondern für die Gesellschaft. Seit ich ein Kind habe, fühle ich mich wie ein Eigentum der Gesellschaft, der ich zu Diensten sein muss, bis ich umfalle. Jetzt könnte man mir sagen: Zieh‘ Dir den Schuh doch nicht an. Tue ich aber. Ich bin nun einmal Mitglied dieser Gesellschaft und kann nicht den ganzen Tag mit Ohrenschützern herumlaufen.

Ja, ich bereue zutiefst.

Nicht dass ich so ein wunderbares Kind bekommen habe und es aufwachsen sehen darf. (Dieser Satz kommt von Herzen …  muss aber leider auch immer an dieser Stelle stehen ;-)).

Ich bereue es, in dieser Gesellschaft ein Kind bekommen zu haben. In dieser gehetzten, total überdrehten, maßlosen Gesellschaft. In der Anspruch und Wirklichkeit so dramatisch weit auseinanderklaffen.

Ich habe es immer geahnt, wenn ich Frauen traf, die kleine Kinder hatten. Die meisten von ihnen waren das Gegenteil von blühendem Leben. Abgekämpft, sich aufreibend, von hier nach dort hetzend. Dabei lächelten sie immer ihr typisches Lächeln und sagten Sätze wie „Aber das alles ist Nichts gegen das Glück, ein wunderbares Kind zu haben.“

Diese Sätze schienen mir schon damals oft nicht echt. Aber sie haben meinen Eindruck von der Mutterrolle in der Gesellschaft geprägt. Als dann mein Kind kam, habe ich den Schock meines Lebens bekommen. Ich war zutiefst  verwirrt darüber, was die Gesellschaft mir suggeriert und anschließend präsentiert hat. Sie hatte mich quasi in eine Falle gelockt.

Sie verlangt nahezu jeden Tag das Unmögliche von mir und ich strampele mich ab, um es ihr zu geben. Und während ich mich so abstrampele und immer müder und abgekämpfter werde, bekommt mein Kind immer weniger von mir ab.

Wenn ich dann nicht mehr arbeiten möchte, damit mein Kind wieder mehr Zuwendung bekommt, gefällt das der Gesellschaft jedoch gar nicht. Denn ich soll arbeiten und eine perfekte, wunderbare, Tausend Prozent organisierte Mutter sein. Den Fachkräftemangel ausgleichen und Steuereinnahmen bringen. Schwächen nicht erlaubt.

Die Gesellschaft möchte mich nicht als „Nur-Arbeitnehmerin“, nicht als „Nur-Mutter“, nein, sie will unbedingt beides von mir.

Ich bin sogar bereit, das zu geben, weil ich mein Kind liebe und auch gern arbeite.

Aber die Rahmenbedingungen lassen einen immer wieder aufs Neue verzweifeln.

Eine Mutter soll so lange wie möglich stillen, das Kind niemals schreien lassen und am Besten gleichzeitig wieder Vollzeit arbeiten. Das ist ein Ding der Unmöglichkeit.

Wo sind die Zwei-, Drei-Tage-Jobs pro Woche? Wo sind die geeigneten Teilzeitstellen? Gähnende Leere.

Wieso müssen Eltern an freien Tagen, die sie de facto nicht einmal haben, Kita-Spielplätze fegen und Kita-Essen kochen?

Wieso müssen Eltern sich mit unsinnigen Therapievorschlägen von Erziehern herumschlagen, die diese nur machen, um von ihren eigenen Defiziten und eventuell auch schlechten Rahmenbedingungen ihrer eigenen Tätigkeit abzulenken.

Wieso werden Eltern wie unter einer Lupe seziert?

Wieso werden so viele Ehen in den ersten zwei Jahren nach der Geburt eines Kindes geschieden?

Wieso stehen Frauen mit kleinen Kindern nach dem Scheidungsrecht wie die Dummen da?

Frauen, informiert Euch, bevor Ihr ein Kind bekommt. Der Preis ist hoch. Denn, wenn Ihr es erst einmal habt, Euer Kind, dann wollt Ihr es nie wieder hergeben und es ist Euer größter Wunsch, dass es ihm gut geht, und deshalb sitzt Ihr in der Falle.

Ihr könnt Eure Situation nicht verändern und müsst schweigen, weil ihr sonst als „Rabenmutter“ abgestempelt werdet und nicht wisst, ob das negative Konsequenzen für Euer geliebtes Kind haben könnte.

Nachtrag: Die Gesellschaft sind auch wir, die Mütter. Wir können also selbst mit der Veränderung anfangen, indem wir ehrlich zueinander sind und uns gegenseitig nicht noch zusätzlich unter Druck setzen.

Youtube – Markus Lanz – Die Mutterglück Lüge

 

 

Ich finde es sehr wichtig, dass Frauen auch die negativen Aspekte der Mutterschaft benennen können, z.B., dass sowohl die berufstätige als auch die zuhause bleibende Mutter sich permanenten Angriffen auf ihr Lebensmodell ausgesetzt sieht. Diese Dinge auszusprechen hat für mich nichts mit mangelnder Mutterliebe zu tun.

Wenn man sich mit den Unwegsamkeiten des Mutterlebens und der gesellschaftlichen Überforderung von Müttern befasst, tut man mehr für die Kinder als Viele auf den ersten Blick für möglich halten.

Und wie Frau Fischer sinngemäß sagt: Sie hat eine Tochter und die wird vielleicht auch einmal Mutter und soll in dieser Rolle glücklicher werden als viele Mütter heute.

Buch: „Die Mutterglück-Lüge: Regretting Motherhood – Warum ich lieber Vater geworden wäre“ von Sarah Fischer

Wie mir persönlich das Buch gefällt, kann ich noch gar nicht sagen, da ich es noch nicht gelesen habe, aber ich bin jeder Frau dankbar, die mal in irgendeiner Form aus der Deckung kommt und überhaupt eine Diskussion in Gang bringt.

Nachtrag: Das Buch ist bestellt 🙂

Nachtrag: Hier noch zwei Bücher zu dem Thema:

  1. Regretting Motherhood: Wenn Mütter bereuen von Orna Donath
  2. Wenn Muttersein nicht glücklich macht / Das Phänomen Regretting Motherhood von Christina Mundlos

 

 

Warum ich mich und die meisten Frauen, die ich kenne, für total unemanzipiert halte …

Auch auf die Gefahr hin, dass ich 50% meiner Follower verliere und massenhaft entliked werde … ich kann nicht mehr schweigen … 😉

Ein Satz einer anderen Mutter spukt in meinem Kopf herum und hat das Thema, mein „Hauptthema“ ;-), wieder angeschoben.

Diese Mutter arbeitet wieder seit ihr Kind ein Jahr alt ist, hat zwei mehr als stressige Jahre hinter sich und sagte letztens zu mir: „Du, ich glaube dieses Jahr mache ich mal etwas ganz Gewagtes, ich gönne mir zur Erholung eine Nacht ohne Kind im Hotel!“

Ich freute mich für sie und ermutigte sie, aber ich dachte auch:

„Wir Frauen heute sind wie Sklaven, arbeiten nahezu rund um die Uhr und glauben, wir wären emanzipiert, wenn wir es schaffen, in zwei Jahren zwei Tage frei zu haben.“

Da waren meine beiden Großmütter emanzipierter! Eindeutig.

Wir Frauen heute sind wie Vögel, denen man die Käfigtür aufmacht und die im Käfig verharren.

Wir lassen uns trösten von der Aussicht auf schöne Schuhe und schicke Businesskostüme, den bewundernden Blicken von Kollegen, aus denen der Satz „Oh, dafür, dass sie Mutter ist, ist sie ja doch noch ganz gut im Oberstübchen sortiert“ spricht, und dem Titel der „Super-Working-Mum“, den die wenigsten von uns je als Schärpe um den im Fitness-Center gestählten Oberkörper tragen werden.

Wir lassen uns teilweise von anderen Müttern blenden, die uns erzählen, wie sie die Doppelbelastung voll und ganz positiv ausfüllt und zwei Minuten später über die Beschwerden klagen, die kein Arzt klären kann: Schwindel, unerklärliche Rückenschmerzen, Migräne. Aber dass das irgendwas mit dem Leben, das man führt, zu tun haben könnte … nein, das hat ganz andere Ursachen.

Viele von uns Frauen heute sind grenzenlos, allzeit bereit zu arbeiten, für alles und für jeden. Aber gehört zur Emanzipation eines Wesens nicht auch dazu, dass es mal zwei Minuten zur Ruhe kommt? Dass es mal Zeit hat, zu denken und zu fühlen? Da hapert es aus meiner Sicht. Die meisten treten im Hamsterrad und haben nicht einmal die Zeit, ihre Situation zu analysieren. Und dann, oh Schreck, landet man in der Burnout-Klinik und weiß gar nicht, wie man dahin gekommen ist.

Ich kann nicht anders, als es mal auszusprechen: Für mich sind nur zwei Gruppen von Müttern halbwegs emanzipiert. Die teilweise als „faul“ verunglimpften „Zuhausebleibenden“ oder „Wenige-Tage-Arbeitenden“, weil sie sich ihrer natürlichen Kräftereserven bewusst sind. Und die, die ihren Job lieben oder einfach machen müssen, weil das Geld benötigt wird, dafür alles so organisieren, dass es irgendwie geht, aber zu den Unvollkommenheiten in ihrem Leben stehen und anderen nicht den ganzen Tag „etwas vom Pferd erzählen“.

Zu wirklicher Emanzipation, nämlich „Befreit sein“, gehört aus meiner Sicht Ehrlichkeit!

(Nachtrag: Diesen Text könnte man in Teilen auch auf die Situation heutiger Arbeitnehmer beziehen. Es handelt sich vermutlich nicht nur um ein Problem der Frauen.)

(Nachtrag II: Wenn wir Frauen nicht den Mund aufmachen und endlich ehrlich sind in Bezug auf die Belastungen, denen wir ausgesetzt sind, dann kann uns wirklich keiner mehr helfen. Wenn wir selbst „Haushalt und Kind“ herunterspielen, so als ob sich das alles mal im Vorbeigehen erledigen lässt, dann sind wir selber Schuld.)

Das ist der Grund, weshalb wir Frauen uns nicht wehren

Zitat aus einem Zeit-Artikel vom 5.9.2013 („Liebe auf Distanz“ -Zur frühen staatlichen Betreuung von Kindern in Frankreich):

“Ich und alle meine Freundinnen sind Töchter solcher Supermütter”, sagt Maryline Jury. “Um die Fassade zu wahren, haben wir es so gemacht wie sie. Denn sonst sähe es so aus, als wären wir weniger befreit!”

„Denn sonst sähe es so aus, als wären wir weniger befreit!“

Dieser Satz hallt nach. Genau das ist es, wovor die meisten Frauen in Deutschland aus meiner Sicht ebenfalls Angst haben: Als „unbefreit“ zu gelten. Und somit davor, als „Heimchen am Herd“, als „unemanzipiert“, als „rückständig“, als „unambitioniert“, womöglich sogar als „faul“ bezeichnet zu werden, wenn sie sich darüber beklagen, dass Kind und Job zusammen zu viel sind, besonders kleine Kinder und Job, und dass sie eigentlich Hilfe bräuchten, um beides zu schaffen. Deshalb halten die meisten von uns lieber still und arbeiten sich halb tot.

Wenn wir uns jedoch selbst versklaven, nur, um nicht als „unbefreit“ zu gelten, dann ist das aus meiner Sicht der falsche Weg.

Solange wir den Mund nicht aufmachen und es auch nicht wollen, sollten wir zur akuten Leidensminderung wenigstens schon mal eines tun: Uns selbst hinterfragen. Welche Ansprüche stellen wir selbst an uns? Welche sind verzichtbar? Welche überzogen?

Ja, die Weihnachtskekse sind Absicht 😉

Was wir Frauen alles tun, um als emanzipiert zu gelten

– In der Schwangerschaft treten wir im Job kein bisschen kürzer. Wir gehen bis kurz vor dem Kreißsaal arbeiten. „Eine Schwangerschaft ist doch keine Krankheit.“

– Wir nehmen maximal ein Jahr Elternzeit. Alles andere sieht nach einer unambitionierten „Gluckenmutter“ aus.

– Wir hetzen zu Fuß/mit Bus/Bahn/Auto zur Kita und dann zur Arbeit und dann wieder zur Kita. Wir hetzen generell den ganzen Tag durch die Gegend und zerreissen uns zwischen den verschiedensten Alltagsanforderungen. Wir haben keine Minute für uns.

– Wir erzählen wahrscheinlich auch noch, nicht ganz der Wahrheit entsprechend, unser Kind habe ohne „Schreienlassen“ nach sechs Monaten einfach durchgeschlafen. Allzu verständlich, denn, wenn wir neben der Betreuung eines Babys oder Kleinkindes auch noch arbeiten, dann können wir uns keine schlaflosen Nächte erlauben.

– Wir schaffen uns irgendwann eine Reinigungshilfe an, aber erzählen es niemandem.

– Wenn wir keine Reinigungskraft haben und allein, neben z.B. Teilzeitjob und Kind, fast die gesamte Hausarbeit machen, dann können wir das in der Öffentlichkeit nicht zugeben (nur in anonymen Umfragen). Wie sieht das denn aus? Was soll der Rest der Frauenwelt zu einem so unemanzipierten Verhalten sagen? Und Verständnis zu haben für die ebenfalls begrenzten Kräfte eines in Vollzeit arbeitenden Ehemannes, der regelmäßig Überstunden macht, das ist auch vollkommen unemanzipiert.

– Wir erzählen keinem, dass unsere Mutter/Tante/Nachbarin regelmäßig einspringt, damit wir keinen Nervenzusammenbruch bekommen.

– Wenn wir eine Mutter-Kind-Kur beantragen, ist uns das sehr unangenehm und wir verschweigen es am Liebsten. Wir scheinen aus dem Rahmen zu fallen. (Wie übrigens immer mehr Mütter.)

– Wenn unsere Beziehung scheitert, dann ist das eben das Leben. Oder der Mann hat nicht genug mitgezogen. Wir trauen uns nicht, weiterzudenken. Ob wir vielleicht einem Mythos der Vereinbarkeit aufgesessen sind.

– Wir wollten Gleichberechtigung und die gleichen Jobs wie Männer. Die haben wir jetzt. Nur gleich immer noch den zweiten Job der Mutter gratis ohne Vergütung dazu. Aber das ist ja kein Problem … sagen wir. Denken wir das auch? Denken wir das, wenn wir morgens das Büro betreten und schon einen halben Arbeitstag am Kind hinter uns haben?

Ich plädiere nicht dafür, dass die Frau ihre althergebrachte Rolle wieder einnehmen soll. Auf keinen Fall. Und ich möchte auch die bedeutenden Errungenschaften der Emanzipationsbewegung nicht schmälern. Aber wie frei ist ein Mensch, der nicht einmal mehr wagen kann, zu sagen, dass die Belastungen, die die Gesellschaft seinem Geschlecht aktuell zugedenkt, kaum noch erträglich sind und er sich alles andere als emanzipiert fühlt, sondern gefangen in einer überladenen Rolle?