Man hat die Wahl und hat sie doch nicht!

Heute morgen im Auto habe ich darüber nachgegrübelt, wie das denn mit der freien Kita-Wahl wirklich ist.

Man hat die Wahl und hat sie doch nicht!

Wir hätten um uns herum ein paar Kita-Plätze bekommen können. Am Liebsten hätte ich die Kita ein paar hundert Meter von uns entfernt genommen. Mein absoluter Traumkandidat, ist man als Mutter doch morgens schon genug gestresst. Die schnelle und gute Erreichbarkeit kann einem also das Leben erheblich leichter machen.

Die Leiterin meiner Erreichbarkeits-Traumkita hat jedoch in ihrer zehnminütigen Führung von den „kleinen anstrengenden Kröten“ gesprochen und das ohne Augenzwinkern und man hatte den Eindruck einer Verwahranstalt, in der sich kein Kind traute, sich auch nur zu mucksen.

Die Einrichtungen, die mir wirklich gut gefielen, hatten auf Monate und Jahre hinaus keine Plätze mehr frei.

Mittlerweile geht mein Kind in eine Kita in der Nähe meiner Arbeitsstelle. Das ist aber nur möglich, weil wir ein Auto haben. Diese Kita ist ein Glücksgriff.

Andere Eltern ohne Auto sind darauf angewiesen, dass in ihrer Nähe qualitativ akzeptable Kitas zu finden sind.

Deshalb ist es aus meiner Sicht sehr wichtig, einheitliche Qualitätsstandards für Kitas zu definieren und auch umzusetzen.

Eine banale Rechnung

Unter den Voraussetzungen, dass

  • es in Deutschland in den Kitas chronischen Personalmangel gibt und
  • Erzieher sagen, dass sie neben der „Zeit am Kind“ zu wenig „Vorbereitungszeit“ haben

Wo geht die Zeit und Kraft, die Erzieher für immer neue Forderungen der Eltern aufbringen müssen, wohl ab?

Sie geht ab von der Kraft und Zeit, um ein Kind zu trösten, in den Arm zu nehmen, ihm zuzuhören, es zu wickeln …

von der Kraft und Zeit für die wirklich elementaren Dinge.

Darüber sollten sich alle Eltern im Klaren sein.

Wie geht es wohl Erzieherinnen, die selbst Mütter kleiner Kinder sind?

Es gibt sicher viele Erzieherinnen mit kleinen Kindern, die gern wieder berufstätig sind.

Aber es gibt bestimmt auch Erzieherinnen, die aufgrund ihres Berufes in einem besonderen Dilemma stecken.

Für die liebevolle, zugewandte, kreative Betreuung fremder kleiner Kinder bekommen sie Geld, für die liebevolle, zugewandte, kreative Betreuung ihrer eigenen Kinder jedoch nicht.

Anstatt also den Tag über für ihr Kind da zu sein, es in seiner Entwicklung zu begleiten, wird von ihnen erwartet, sich voll und ganz auf das Wohl fremder Kinder zu konzentrieren.

In einem von Personalmangel gekennzeichneten Arbeitsumfeld werden sie vermutlich in der ein oder anderen Region Deutschlands acht bis fünfzehn Kinder gleichzeitig beaufsichtigen müssen (je nach Altersgruppe) und das ihren ganzen Arbeitstag über. Da fällt es schwer, mir vorzustellen, dass sie, wenn sie nach Hause kommen, dort auch noch Kastanienmännchen oder Laternen mit ihren Kindern basteln. Da können sie nur darauf vertrauen, dass die anderen Erzieherinnen, denen sie ihr Kind morgens anvertraut haben, genauso engagiert waren, wie sie selbst.

Hinzu kommt, dass Erzieherinnen in der Regel in Deutschland auch nicht besonders üppig verdienen.

Wie fühlt es sich da wohl an, in einer Kita zu arbeiten, in der die Kinder regelmäßig mit ausgefallenen Ausflügen, Theaterbesuchen, Schwimm- und Sportkursen sowie Sprachunterrichtseinheiten versorgt werden, für die auch Extrazahlungen anfallen? Wenn der Kontrast zwischen den eigenen Möglichkeiten und dem, was man anderen, fremden Kindern den ganzen Tag bietet, sehr groß ist? Aber vielleicht fällt das auch gar nicht ins Gewicht und stellt somit auch kein Problem dar, denn Erzieherinnen kennen Kinder ja berufsbedingt gewöhnlicherweise  besonders gut und wissen somit auch, dass für Kinder am Ende immer der liebevolle Umgang, die Zeit und die Aufmerksamkeit zählen.

Und wie fühlt es sich wohl an, wenn Eltern bei nahezu konstant bleibender Vergütung der Erzieher und immer größeren zu betreuenden Kindergruppen pro Erzieher ein immer höheres Engagement fordern?

Ich kann es mir vorstellen und sage deshalb in unserer Kita immer mal wieder zwischen Tür und Angel „Danke“.

Danke, dass es meinem Kind bei Euch gut geht. Danke, dass Ihr Euch die zusätzliche Mühe macht und einen Theaterausflug organisiert. (Jede Mutter weiß, dass ein solcher Ausflug nur allein mit dem eigenen kleinen Kind auch einen gewissen Kraftaufwand erfordern kann.) Wir freuen uns darüber, würden die Kita aber genauso schätzen, wenn ihr es das ganze nächste Jahr nicht mehr schafft.

Irgendwas war anders

Letztens holte ich mein Kind aus unserer neuen netten Kita ab und fand es besonders fröhlich und ausgelassen tobend vor. Es wollte gar nicht nach Hause gehen und spielte sich in meiner Anwesenheit weiter von einem in den anderen Raum, immer zwei andere kleine Kameraden dabei.

Was war anders?

Eine gut gelaunte Erzieherin erzählte es mir.

Eine kleine Krankheitsepidemie hatte die Zahl der Kinder an diesem Tag halbiert.

Nun wusste ich was los war.

Ich konnte die Atmosphäre eines Betreuungsschlüssels von 1:5 und von weniger Kindern auf gleichem Raum schnuppern. Grandios. Für alle Beteiligten: Kinder, Erzieher und Mütter.

Sogar in unserem einzigen Kinderkurs, der an diesem Nachmittag stattfand, konnte ich eine Verhaltensänderung meines Kindes beobachten. Es war an diesem Tag deutlich aufgeschlossener.

Kita – „Sofort abmelden!“ Wann schadet die Fremdbetreuung dem Kind? (Zeit-Online-Interview vom 3.7.2016)

Hier der Link zu einem sehr interessanten Interview:

http://www.zeit.de/2016/28/kita-qualitaet-fabienne-becker-stoll

Auszug:

„DIE ZEIT: Frau Becker-Stoll, wie gut sind unsere Krippen und Kindergärten?

Fabienne Becker-Stoll: Von hervorragend bis grottenschlecht und kindeswohlgefährdend ist da leider alles dabei.“

Als ich dieses Interview gelesen habe, wurde mir noch einmal klar, wie dringend ich mein Kind aus seiner alten Kita nehmen musste. Ich hatte erst große Hemmungen, diesen Schritt zu gehen, wollte nicht als überanspruchsvolle Mutter bzw. Glucke dastehen, habe aber genau mit dem Probleme gehabt, was die Expertin als elementar bezeichnet, der „Beziehungs- und Interaktionsqualität“ bzw. in unserem Falle der mangelnden „Beziehungs- und Interaktionsqualität“, die mir jeden Tag vor Augen geführt wurde, durch das Verhalten meines Kindes und sogar in meiner Anwesenheit in der Kita von den Erziehern selbst, da diese schon deutlich abgestumpft waren und gar keinen Anlass sahen, ihr liebloses Verhalten zu verbergen.

Mein Kind wartete beim Abholen oft schon an der Tür auf mich, weinte abends häufig und fragte, weshalb es in diese Gruppe muss. Es hatte Angst, seinen Stuhlgang zu verrichten, weil man ihm in der Einrichtung klar machte, dass Kinder, die ihr großes Geschäft mit drei Jahren noch nicht in die Toilette machen, Babies sind. Es wurde gedemütigt und emotional vernachlässigt, so traurig es klingt (diese Formulierungen treffen es wohl), und ich hätte nicht erst nach wenigen Monaten, sondern schon viel früher reagieren sollen. Aus meiner Sicht sind wenige Monate in einer unqualifizierten Einrichtung für ein Kind schon wie eine Ewigkeit.

Dass ich mit dem Wechsel alles richtig gemacht habe, konnte ich sehr schnell sehen. Mein Kind weinte nicht einmal in der Eingewöhnung in der neuen Kita und sagte nach ein paar Wochen beim Anblick eines Bildes aus der alten Kita: „Alte Kita. Mama, da will ich wirklich nicht mehr hin.“

Nachtrag: Ich bin der „ZEIT“ richtig dankbar, dass sie sich des Themas „Kita-Qualität“ so intensiv annimmt.

Nachtrag II: Ich habe eigentlich von Anfang an niemals überzogene Ansprüche an eine Kita gestellt. Für mich brauchte es keine tollen Ausflüge, großen Feste, Projektwochen etc., nur ein wenig Zugewandtheit zum Kind. Ich habe auch nicht die Speisepläne kontrolliert. Ich hatte auch Verständnis für die nicht immer so günstigen Rahmenbedingungen der Arbeit der Erzieher, aber irgendwann konnte ich die Lieblosigkeit im Umgang mit meinem Kind nicht mehr mit ansehen. Es war nur noch unglücklich.

Nachtrag III: Ich weiß, dass die alte Kita meines Kindes trotz meiner Beschwerde so weiter macht wie bisher. Sie wissen anscheinend, dass es viele Mütter gibt, die neben Kind, Job und Haushalt nicht noch den Stress eines Kitawechsels (mit Eingewöhnung und Urlaub nehmen etc.) auf sich nehmen können. Aber sie sollten sich nicht täuschen. Es werden immer mehr, die die Missstände beklagen und nach anderen Lösungen suchen.